Das Ende der ersten Großen Koalition

Von Felix Hirsch

Was euch veranlaßt, den Kanzler zu stürzen, ist in sechs Wochen vergessen, aber die Folgen eurer Dummheit werdet ihr noch zehn Jahre lang spüren.“ Diese prophetischen Worte sprach Reichspräsident Ebert zu den Führern der Sozialdemokratischen Partei, nachdem seine Partei das Kabinett Stresemann zu Fall gebracht hatte. Hundert Tage nur war Gustav Stresemann Reichskanzler gewesen, aber sie waren der Höhepunkt in seiner Laufbahn. Auch wenn er später kein anderes Amt bekleidet hätte, würde er als eine Hauptgestalt der Weimarer Republik dastehen. Nie zeigte er mehr Mut, Wendigkeit und Entschlossenheit als damals.

Der Sozialdemokrat Ebert, lange Zeit gegen Stresemanns Persönlichkeit voreingenommen, hatte ihn schließlich am 12. August 1923 mit dem Kanzleramt betraut, weil der Führer der Deutschen Volkspartei nach Ansicht der Mittelparteien (Demokraten, Zentrum) und der Sozialdemokraten der einzige Mann war, der noch eine Chance hatte, eine parlamentarische Regierung auf die Beine zu stellen. Ihm traute man zu, daß er den Ruhrkampf gegen die französischen Invasoren glücklich beenden und die ins Uferlose versinkende Währung stabilisieren könnte.

Innerhalb von 24 Stunden hatte Stresemann seine Ministerliste fertig. Es war das erste Kabinett der Großen Koalition in der Geschichte des Reiches und das erste unter einem liberalen Kanzler. Stresemann war zu den Idealen seiner politischen Anfänge zurückgekehrt, zu jener Front „von Bebel zu Bassermann“, die Friedrich Naumann einst vorgeschwebt hatte.

Nach der November-Revolution von 1918 hatte Stresemann, von den Demokraten unklugerweise abgewiesen, seine Anhänger von weiter rechts heranholen müssen. Das sollte ihm nun oft das Leben erschweren; denn viele Abgeordnete seiner Partei, die Stinnes, Vogler, Quaatz, Lersner und Konsorten, hatten keinen Hauch seines echten Liberalismus und seiner Idee der Volksgemeinschaft verspürt. Sie ließen ihn jetzt in seiner großen Stunde im Stich. Es geht wie ein roter Faden durch die Jahre, die ihm noch blieben, daß er mehr unter vielen seiner Parteifreunde zu leiden hatte als unter seinen Gegenspielern in der Mitte und auf der Linken.