Paris, im November

Seit einigen Wochen gibt Frankreich Signale zur Aktivierung der europäischen Zusammenarbeit. Am deutlichsten zeigte das die Initiative von Staatspräsident Pompidou für eine Konferenz der Regierungschefs, die Mitte Dezember in Kopenhagen stattfinden wird. Wenn Bundeskanzler Brandt in der kommenden Woche nach Paris fährt, wird er mit der Kompromißbereitschaft seiner Gesprächspartner rechnen können. Allerdings erlaubt das noch keinen endgültigen Schluß darüber, wie groß Frankreichs Beitrag zur Lösung der heiklen Verfahrensfragen sein wird. Noch nie seit dem Tod de Gaulles jedoch schien Paris zu einem derart kalkulierten Wagnis in Richtung Europa bereit zu sein wie heute.

Diese Kehrtwendung zeichnete sich zunächst bei den Außenministergesprächen in Kopenhagen und den Währungsverhandlungen in Nairobi ab. Die Nahost-Krise sorgte für weiteres Einlenken, nachdem die Weltmächte, so Außenminister Jobert, „Europa als Unperson behandelt“ hatten. Folgerichtig erklärte die neue Galionsfigur der Gaullisten, Expremier Chaban-Delmas, auf dem Parteitag von Nantes im Hinblick auf Europa: „Niemand darf zweifeln, daß gegenseitige Konzessionen notwendig sind, wenn wir uns auf das Wesentliche einigen würden.“

Gelegenheit, Sinn für Pragmatismus zu beweisen, wird sich den Franzosen in Kopenhagen bieten. Bei seiner jüngsten Begegnung mit dem britischen Premier Heath hat Pompidou bereits die Frage einer europäischen Verteidigung, vor allen unter dem Vorzeichen einer Zusammenarbeit der beiden europäischen Nuklearmächte angeschnitten. Bei der deutsch-französischen Regierungskonferenz wird sich dann zeigen, welche Zugeständnisse an eine gemeinsame Wirtschafts- und Konjunkturpolitik Frankreich machen kann.

Ernst Weisenfeld