Von Ben Witter

Ich bestellte zwei Kaffee, und Paul R. sagte: „Also, ich raus aus dem Knast und trank dann erst mal einen Kaffee. Und ich bestellte mir noch einen und mußte zwei Mark dafür hinlegen, zwei, und ich dachte, nun fahr man gleich zu deinem Bewährungshelfer, dann ist das wenigstens gelaufen... Einsdreißig für sieben Stationen, die U-Bahn langt jetzt auch ganz schön hin ... Also Schütte heißt der Bewährungshelfer, saß da in einem Zimmer mit Schreibtisch und Schrank, und da, wo die Bücher standen, hinter Glas, da gehörten Gläser hin, fand ich ... Schütte ist Frührentner, und seine Frau brachte mir einen Kaffee, und Schütte sagte: ‚Nun wollen wir doch mal sehen: Sie sind ledig... Wissen Sie, daß von zweihundert Ledigen, die entlassen werden und so Mitte dreißig sind, ungefähr einhundertundvierzig geschieden sind? Jawohl, und Sie haben auch keinen Berufsabschluß. Von zweihundert Entlassenen haben über achtzig keinen Berufsabschluß. Und Sie haben Autoschlosser gelernt, aber es kam nicht zur Gesellenprüfung...‘ Ich sagte: ‚Was Technisches müßte es schon wieder sein, im Knast habe ich auch Freizeitkurse besucht, also, was Technisches.‘

‚Und wo kommen Sie gerade her?‘ fragte mich Herr Schütte dann. Ich sagte, ich hätte erst mal Kaffee getrunken und wäre dann gleich zu ihm. Er fand, das wäre ein gutes Zeichen, und seine Frau brachte mir noch einen Kaffee, und ich zählte mein Entlassungsgeld. Da lagen einhundertvierundsiebzig Mark und dreißig...“

„Das war also Herr Schütte“, sagte ich. „Ja. ‚Aber nun ein Zimmer‘, sagte Herr Schütte. Ich sagte: ‚Wenn ich erst mal einen Job hätte, würde sich das schon ergeben.‘ Er sagte: „Umgekehrt, erst mal ein Zimmer, und dann sehen wir weiter.‘ Und das Weitere hatte er schon für mich, was bei einer Tankstelle, mit so einem Reparaturdienst nebenbei für die schnelle Kundschaft. Ich fragte Herrn Schütte: ‚Was ist denn das für einer, der Tankstellenpächter?‘ ‚Er nimmt auch entlassene Strafgefangene‘, sagte Herr Schütte, und da lägen ganz erfreuliche Erfahrungen vor, und wer bei dem gearbeitet hätte, der hätte dann später auch ganz vorschriftsmäßig gekündigt. Und ich sollte das nicht immer unter einem ganz bestimmten Blickwinkel sehen, was da nun auf mich zukäme, sondern erst mal anfangen und dann weitersehen, und er hätte auch eine Dame auf seiner Liste, die mir ein Zimmer vermieten würde...“

„Also hin zu der Dame“, sagte ich. „Ich wieder in die U-Bahn, diesmal zu einszehn. Hundertfünfzig Mark im Monat verlangte die Dame für das Zimmer mit Küchenbenutzung, aber ohne Bad, das Zimmer macht sie einmal in der Woche gründlich. In dem Zimmer sind zwei Sessel, auf der Couch schlaf’ ich, und der Schrank da ist so ähnlich wie bei Herrn Schütte. Ich sagte zu der Dame: ‚Sie sehen meiner Tante aus Rostock aber ähnlich‘, und sie sagte: ‚Ich kenne Rostock...‘ Und ich dann hin zu dem Tankstellenpächter schräg rüber. Einen Gebrauchtwagenhandel hat der da auch angegliedert, so mit sechs Schlitten. Ich kriegte gleich wieder einen Kaffee, und dann der Chef: Was ich denn so wüßte von Autos, er hätte schon was gehört, aber nun mal was Näheres, und wo denn mein Führerschein wäre ... Ich zeigte ihn also vor und fragte, was er denn nun Näheres wissen wollte. Er dann raus zu einem Kunden, und ich hinterher, und sollte dann auch was sagen, und er sagte: ‚Sie verstehen was von Autos, das muß ich schon sagen, und Herr Schütte ist sehr zuverlässig, und morgen früh um sieben sind Sie hier, und es gibt erst mal zweihundert die Woche, aber mit Kundengeldern haben Sie gar nichts zu tun, ich bin die Kasse.‘

„Dann ging das also los da bei dem Tankstellenpächter“, sagte ich.

„Um sieben tanzte ich da an, aber der Kaffee lief aus einem Münzautomaten, und ich hatte gedacht, den gibt es so. Das ging so vierzehn Tage da, und ich machte da immer los von sieben bis abends um acht, wegen der Überstunden. Aber der Chef sagte: ‚Das läuft hier nicht mit Überstunden, bis vier müßt du dein Pensum durchhaben, und wenn das nichts wird, also länger, und das geht auf dein Gemüt. Das kann vielleicht mal anders werden, aber erst mal bis acht und keine Mark für die Überstunden...‘ Und wer kam da dann an? Ich dachte, ich seh’ nicht richtig: Ewald Borchers. Und was sagte der zum Chef? ‚Du, Karl, laß mal eben den Vergaser prüfen.‘ Ich ran, aber Ewald, der sah mich gar nicht. Ich machte den Vergaser also klar, und Ewald Borchers schoß dann in den Wind mit seinem Coupé, und ich sagte zum Chef: ‚Das war doch Ewald Borchers, den kenn’ ich noch aus’m Knast, und wer den so kennt...‘ Da sagte der Chef: ‚Halt du dich da raus, nun mach schon