Warum die Ölkrise kaum zur Energie-Katastrophe wird

Von Marion Gräfin Dönhoff

In den vergangenen beiden Wochen hat Henry Kissinger die unruhige Welt von Nahost bis Fernost im Jet umkreist. Kometenhaft tauchte er nacheinander in Rabat, Tunis, Kairo, Amman, Riad, Teheran, Islamabad, Peking, Tokio, Seoul auf, ehe er am zwölften Tage wieder in Washington landete. Ob wohl der Außenminister Kissinger tief besorgt oder verhältnismäßig befriedigt ist, wenn er den Zustand der Welt, so, wie er sich ihm nach dieser Reise dargestellt, mit dem Konzept vergleicht, das der Sicherheitsberater Kissinger einst für seinen Präsidenten entwarf?

In seinem alten Konzept war Henry Kissinger von zwei Prämissen ausgegangen:

Erstens: Man muß die Politik, die schon Kennedy mit dem Atomstoppvertrag eingeleitet hatte, intensivieren, also die Sowjets in ein Netz von Verpflichtungen einbinden, um sie allmählich von ihrer ursprünglich umstürzlerischen Mentalität abzubringen und sie in eine das internationale Staatensystem tragende Macht zu verwandeln. Breschnjews Bemerkung in seiner Rede vor dem Weltfriedenskongreß am 26. Oktober in Moskau scheint den Erfolg dieser Politik zu bestätigen. Der Parteichef stellte nämlich fest, daß das Risiko des nuklearen Krieges während der letzten zehn Jahre durch ein Geflecht von Ost/West-Vereinbarungen allmählich verringert worden ist.

Zweitens ging Kissinger davon aus, man müsse die bipolare Welt, in der jeder Konflikt und jede Krise automatisch in das Freund-Feind-Schema eingespannt wird, umstrukturieren in eine multipolare Welt, gleichzeitig aber die Vielzahl der Staaten wieder auf eine Ordnung reduzieren, in der einige wenige Machtkomplexe im Gleichgewicht miteinander stehen.

Die Schwierigkeit bei dem ersten Beginnen liegt darin, daß seit einem Vierteljahrhundert das politische Denken sich ausschließlich im Koordinatensystem Ost-West vollzieht. Anfangs war jede der beiden Supermächte überzeugt gewesen, es werde ihr möglich sein, die andere entweder "zurückzurollen" oder zu "überholen", in jedem Falle also in die Knie zu zwingen. Dann folgte eine Phase, in der das nukleare Patt den beiden Giganten Fesseln anlegte. Erst jetzt ist bei beiden ein "systemüberwindendes" Interesse erwacht. Wenn bisher der aus Selbsterhaltungstrieb gespeiste technische Sachzwang, die Eskalation zum Atomkrieg zu vermeiden, alle Planungen bestimmte, so ist jetzt zu diesem negativen Interesse ein positives getreten.