Frankfurt Als die ersten Meldungen einliefen, eine außergewöhnliche Energiekrise werde zu außergewöhnlichen Maßnahmen führen, wartete man in den hessischen Gemeinden auf ein Kommando aus dem Landratsamt, die Landräte warteten auf Weisungen des Regierungspräsidenten, die Regierungspräsidenten blickten erwartungsvoll nach Wiesbaden – und die Landesregierung konnte nicht helfen, weil sie auf ein Kommando aus Bonn wartete. Die ersten Wehen einer kritischen Situation versetzten das Bundesland Hessen in den Wartestand. Weil aber jeder meinte, nicht untätig herumsitzen zu dürfen, wenn dunkle Gewitterwolken drohend heraufziehen, wurde landauf, landab eine emsige Aktivität entfaltet.

Der Wirtschaftsminister sollte die Notstandskataloge aller Ministerien koordinieren, die Regierungspräsidien machten sich bereit, Krisenstäbe in Aktion treten zu lassen. Die Frankfurter Polizei war bei den Kontrollen im Ölhafen ganz besonders wachsam.

Anschläge arabischer Terroristen waren in das Sandkastenspiel miteinbezogen worden. Und man glaubte auch, die Autofahrer nachdrücklich auf die Vorteile verschließbarer Tankdeckel aufmerksam machen zu müssen.

Wie anfällig ein Millionen-Monstrum wie das Rhein-Main-Gebiet ist, wurde in diesen Tagen nicht nur zum Stammtischgespräch, sondern zur schrecklichen Gewißheit. Kein Wunder: Nach den Ergebnissen der letzten Volkszählung kommen rund 100 000 Einpendler mit dem Wagen nach Frankfurt und nur 58 000 mit der Bahn. Dazu rund 22 000 Bus-Fahrer. Bei der Vision von einem totalen privaten Fahrverbot nehmen sich die 1185 Radfahrer und 726 Fußgänger, die gezählt wurden, als die Frage der Statistiker zu beantworten war, wie die Rhein-Main-Bürger zu ihrem Arbeitsplatz gelangen, recht bescheiden aus.

Und mit den Transportreserven steht es nicht zum besten. Die Frankfurter Bundesbahndirektion könnte zwar an die Pendlerzüge noch ein paar Wagen anhängen, aber die voll ausgelastete Kapazität des Hauptbahnhofes erlaubt keine Abfertigung zusätzlicher Züge – vom Personalbedarf gar nicht zu reden. Viele Lokführer wohnen außerdem auf dem Lande und kommen mit dem Wagen nach Frankfurt zum Dienstantritt.

Bei den städtischen Verkehrsbetrieben hofft man, daß der November seine Pflicht und Schuldigkeit tut und so schlechtes Wetter bringt, daß die Lusr am Sonntagsausflug vergeht. Im übrigen haben die Notfall-Aktivitäten im Frankfurter Ballungszentrum eines deutlich werden lassen: Der Autostrom, in dem die Großstadtzentren zu ersticken drohen, ist zwar ein Übel, aber eben auch der Lebensnerv. Die Illusion von der autofreien Stadt hat sich in diesen Tagen zum Alptraum entwickelt. Gerhard Ziegler