„Die Reise zum 1. Dezember“, Roman von Henry Carlisle. Wegen geplanter Meuterei ließ Korvettenkapitän Alexander Slidell Mackenzie, abgesichert durch eine Loyalitätserklärung seiner Offiziere, am 1. Dezember 1842 den Fähnrich zur See Philip, Spencer (18 Jahre alt, Sohn des Kriegsministers der Vereinigten Staaten) und zwei Matrosen an Bord der Brigg „Somers“ durch den Strang hinrichten. Nach Rückkehr des Kadettenschiffes befaßte sich in New York eine Marine-Kommission mit dem Fall. Sie bescheinigte den Verantwortlichen, „ihre Pflicht der Marine und ihrem Lande gegenüber ehrenvoll“ erfüllt zu haben. Auf eigenen Wunsch (um sich der zivilen Justiz zu. entziehen) verantwortete sich Mackenzie schließlich vor einem Militärgericht und wurde freigesprochen. Das standesbewußte Großbürgertum und seine Presse feierten ihn als „bewunderungswürdigen Kämpfer der Aristokratie gegen Emporkömmlinge, der Ordnung gegen Anarchie“. Henry Carlisle (geboren 1926 in San Francisco) hat seinen ersten Roman so geradlinig wie spröde konzipiert: Er bemüht einen „Herausgeber“, dem angeblich 1969 die Aufzeichnungen des Schiffsarztes Dr. Leacock zur Veröffentlichung überlassen wurden. Die Leacock-Papiere weisen ihren Verfasser als einen von Gewissensnöten bedrängten Menschen aus. Wie die anderen Offiziere hat er die Exekution befürwortet, dies aber bald als Schuld empfunden. Seine Rekonstruktion der Ereignisse und seine Aussagen vor der Untersuchungskommission enthüllen ein Bezugssystem von Machtmißbrauch (Auspeitschungen waren an der Tagesordnung), übersteigertem Autoritätskult und Katastrophenhysterie. Ob nun wirklich konspiriert wurde oder ob es sich um einen makabren Scherz handelte, bleibt unklar. Selbst arglose Leser dürften dem jungen Spencer, einem radikalen Zyniker und maßlosen Provokateur mit stark demoliertem Ruf, einiges zutrauen. In dieser Hinsicht zumindest ist der Roman kein „psychologisches Meisterwerk“ (Harrison E. Salisbury laut Klappentext-Zitat). So eindeutig das Fehlverhalten der Offiziere entlarvt wird, sowenig überzeugt das Charakterbild Spencers. Carlisle hat wohl die Chance erkannt, das Versagen des autoritären Systems gerade am Beispiel eines extrem gespannten Verhältnisses zu demonstrieren, sich dabei aber übernommen. Und wenn dann Mackenzie wider „die Kommunisten und Pazifisten, die sogenannten Freidenker und überhaupt „die unzufriedenen unteren Klassen“ wettert, so ist zu befürchten, daß der Beifall von der (aus Carlisles Sicht) falschen Seite kommt. (Aus dem Amerikanischen von Kurt Wagenseil; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1973; 249 S., 26,– DM)

Egbert Hoehl

„Isolation – Vom schwierigen Menschen zum hoffnungslosen Fall, die soziale Karriere des psychisch Kranken“, von Stefan Wieser. Was der kürzlich verstorbene Bremer Psychiater Stefan Wieser, einer der engagiertesten und mutigsten Reformer in der deutschen Psychiatrie, in diesem Buche leistete, ist zwar nicht, wie der Klappentext verspricht, „eine eigenständige und grundlegende Theorie der mikrosozialen Prozesse im Lebensbereich des psychisch Kranken“, wohl aber eine anschauliche Beschreibung dieser Prozesse. Von den ersten Konflikten mit einer verständnislosen Umwelt bis zum selten freiwilligen Eintritt in die psychiatrische Anstalt, die das Ihrige dazu beiträgt, die soziale Identität ihrer – Insassen zu zerstören, verfolgt Wieser die „Antikarriere“ des psychisch Kranken, seinen unaufhaltsamen Abstieg in die Isolation des totalen Außenseiters, und belegt sie mit eindrucksvollen Dokumenten; er schildert die oft unüberwindlichen Hürden der Rehabilitation und gibt zum Schluß einen Ausblick auf sozialpsychiatrische Reformmodelle, die die soziale Diskriminierung mildern sollen. Die Zielsetzung bleibt, bei allem humanen Engagement, „realistisch“: Man kann die psychisch Behinderten nur „in windgeschützten Nischen des komplizierten Gebäudes unserer Gesellschaft unterbringen“ und ihnen einen „optimalen sozialen Sonderstatus gesetzlich sichern. Hier wirkt sich aus, daß Wieser die Forderung nach mehr Toleranz für die Schwachen und Leidenden an eine Gesellschaft richtet, deren Strukturen er für unabänderlich hält und nicht zur Diskussion stellt. Aber trotz solcher Selbstbeschränkung verdienen die mehrfach kurz erwähnten schichtspezifischen Unterschiede in der sozialen Karriere des psychisch Kranken eingehendere Überlegungen. (Rowohlt Verlag, Reinbek, 1973; 223 S., 16,80 DM)

Hans Krieger