Von Rolf Michaelis

Hier sind Erzählungen, wie es sie in der zeitgenössisch deutschen Literatur sonst nicht gibt. Aus ironischer Distanz, mit kühler Eleganz, straff, schlank erzählt Joseph Breitbach.

Solche Charakterisierung scheint den Figuren der Novellen und ihrem Milieu zu widersprechen. Ironie, Eleganz des Stils, distanzierende Objektivität erwartet man hierzulande von mondänen Fabeln, schwerlich von Geschichten, die absichtsvoll, bis in die Diktion ("die Spül’; da kann man die Platze kriegen"), in der Provinz spielen und Menschen in den Mittelpunkt stellen, die auch die Literatur gern am Rande leben läßt: kleine Angestellte, Verkäuferinnen, ja, Proletarier. Nach Lektüre der acht Erzählungen aus fünfzig Jahren –

Joseph Breitbach: "Die Rabenschlacht und andere Erzählungen"; S. Fischer Verlag; Frankfurt, 1973; 267 S., 24,– DM

kann man sie nicht mehr hören, die herablassende Floskel von den "kleinen Leuten". Es ist Breitbachs Leistung, daß er diese Volksschicht literaturfähig macht, ohne exotische Beimischung. Anders als manchen literarischen Pfadfindern, die mit Rousseau im Rucksack zu Exkursionen in die Unterschicht aufbrechen und die Proleten, wie Forschungsreisende des neunzehnten Jahrhunderts ihre Wilden, als bessere Menschen preisen, gelingt es Breitbach, daß sich der Leser in Handlungen und Entscheidungen der dargestellten – zumeist jungen – Menschen wiedererkennt.

Breitbach schreibt moralische Erzählungen. Das verbindet ihn, neben der Klarheit und Leichtigkeit des Stils, mit den "moralistes" seiner zweiten Heimat Frankreich, Schriftstellern, die über die Natur des Menschen nachdenken. Moralische Erzählung heißt also nicht literarisch ausgewalzte Lebensweisheit, sondern – außer der Lust am Erzählen – Erforschung des Menschen, angewandte Charakterkunde, psychologische Studie zum Zweck der Aufklärung.

Breitbach führt seine Gestalten an Kreuzwege, wo ihnen Entscheidungen abverlangt werden, wo sie sich, wie eine in Fragen der ’Ethik weniger befangene Literaturtheorie früher sagte, bewähren müssen. Breitbach schickt Menschen auf den Prüfstand. Nichts wäre leichter, als Menschen so zu erledigen. Doch stellt Breitbach nicht als literarischer TUV-Ingenieur Mängellisten auf, sondern bleibt Erzähler. Mit einem Fuß steht er immer neben seinen Gestalten auf dem Prüfstand: Er urteilt nicht. Er stellt Fragen. So bringt er den Leser dazu, auch sich selbst zu befragen.