Von Walther Leisler Kiep

John F. Kenndy war weit mehr als der 35. Präsident der Vereinigten Staaten. Er repräsentierte die Hoffnung auf einen neuen Typus von Politiker, der alle Menschen – ganz gleich, in welchem gesellschaftspolitischen System sie lebten – mit seinem präzisen, nüchternen Idealismus und mit seinem gezügelten Pathos erreichte und begeisterte. Kennedy machte als erster Politiker dieses Jahrhunderts Außenpolitik zur Weltinnenpolitik.

Das Bild, das man sich von Kennedy machte, schwankte schon zu seinen Lebzeiten zwischen zwei Extremen. Nach dem Fiasko der Schweinebucht-Aktion in Kuba 1961 warf man ihm vor, er spreche wie Churchill, handele aber wie Chamberlain. Nach der großen Konfrontation mit der Sowjetunion in Kuba 1962 wandelte sich dieses Bild. Die Revisionisten in der amerikanischen Politikwissenschaft betrachteten Kennedy als Kalten Krieger, der wie der friedfertige amerikanische Präsident Wilson sprach, aber wie Dulles handelte.

Kennedys Strategie des Friedens hatte zwei Pole: Sicherheit auf der einen, Entspannung auf der anderen Seite. Kennedy fand dafür die prägende Formulierung: „Verhandeln wir nie aus Furcht, aber fürchten wir uns auch nie davor, zu verhandeln!“ Jede Analyse, die neben der Komponente „Sicherheit“ die der „Entspannung“ nicht berücksichtigt, vereinfacht die Außenpolitik der Ära Kennedy auf unzulässige Weise. Zwar hat man gesagt, Kennedy sei außenpolitischen Konflikten ausgewichen und habe eine globale Friedensordnung lieber auf der Grundlage von rationalem Kalkül erreichen als durch einen Konflikt die Gefahr einer nuklearen Konfrontation heraufbeschwören wollen. Dies ist richtig. Doch ebenso richtig ist, daß Kennedy einen Konflikt, wenn er sich ihm gegenübergestellt sah, mit allen Kräften kontrolliert durchzustehen suchte.

Während und nach der Kuba-Krise von 1962 bewies Kennedy, daß er trotz seiner idealistischen Rhetorik ein pragmatischer Politiker der begrenzten Zielsetzung war. Er übte Selbstbeschränkung und ließ der Sowjetunion einen annehmbaren und ehrenvollen Ausweg. Gleichzeitig bahnte die Kuba-Krise den Weg zu einem Wandel in den amerikanisch-sowjetischen Beziehungen von der Konfrontation zur begrenzten Kooperation.

Kennedys Handeln in Laos, Kambodscha und Vietnam zeigte freilich, daß er aus Furcht vor einem in Moskau zentralisierten Weltkommunismus den Sozialismus in seinen eigenständigen nationalen Ausprägungen verkannte. Sein „Grand Design“ für eine neue atlantische Partnerschaft beruhte auf einer ähnlichen Fehlanalyse: Er verkannte die nationalstaatliche Komponente in der Bündnispolitik. Wie bei seinen politischen Gegnern in Asien, so schätzte Kennedy die geschichtliche Kraft der Nationalstaaten auch bei seinen politischen Freunden in Europa falsch ein.

Kennedys vernünftige Forderung nach supranationaler Integration beruhte auf der Prämisse, daß die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa mit derselben linearen Gesetzmäßigkeit vonstatten gehen würde wie die der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein linear-ökonomisches Verständnis von Bündnis- und Integrationspolitik war nicht nur „technologisch naiv“ – als ob Europa nur aus mehreren hundert Millionen Menschen und aus einer mehrere hundert Milliarden Dollar umfassenden Produktionskapazität bestünde. Er unterschätzte auch das wachsende Selbstbewußtsein der europäischen Staaten, allen voran Frankreich.