Von Jürgen Werner

Der Fußball des Jahres 2000“ – so jubelte 1969 nach dem Qualifikationsspiel zur Fußballweltmeisterschaft gegen die Schotten in Glasgow, das 1:1 endete, Helmut Haller über die Spielweise der deutschen Mannschaft. Vorige Woche erzielte sie das gleiche Ergebnis, das – so Günter Netzer – „Zunächst mal zählt“, doch gelten heute andere Kriterien für eine Beurteilung. Galt es damals vor allem, eine Niederlage zu vermeiden, so sollte diesmal „gegen eine der besten Mannschaften der Welt“, – so Helmut Schön – der Ernstfall geprobt werden.

Denn auch die schottische Mannschaft hat sich für das Weltmeisterschaftsturnier 1974 in Deutschland qualifiziert und ist damit ein möglicher Gegner der deutschen Mannschaft im nächsten Jahr. Allein daran gemessen kann der Rat an Helmut Schön nur lauten: „Bundestrainer werde hart“, weil dieser Test bewiesen hat, daß der Erfolg mit kleiner Münze nicht mehr zu haben ist. Die Schotten klotzten, die deutschen Spieler kleckerten. Die Bereitschaft, 90 Minuten zu laufen, zu jedem Zeitpunkt die deutschen Spieler in Zweikämpfe zu verwickeln, um jeden Ball zu kämpfen und dabei ständig in hohem Tempo die Position zu wechseln unterschied diesmal die beiden Mannschaften. Die Schotten geizten nicht mit diesen Qualitäten.

Die deutschen Stürmer Kremers, Held, Hoeneß und Grabowski verloren die meisten der direkten Duelle mit ihren Gegenspielern und damit Kraft und Konzentration. Statt den Ball laufen zu lassen mußten sie hinter ihm herlaufen – mehr Krampf als Kampf. Oft schien es, als versteckten sie sich hinter ihren Gegenspielern. Dadurch kamen die Schotten zu ihrem Powerplay. Die deutschen Deckungsspieler waren dauerndem Streß ausgesetzt und damit überlastet. Hier lag die Schwäche des Spiels der deutschen Mannschaft. Die Deckungsspieler Höttges, Cullmann, Vogts und Weber haben brav gekämpft, beide Torwächter, Kleff wie Maier, machten Fehler, bei dem nassen Ball und Boden aber ohne Tadel – in Bestform waren sie alle nicht.

Das gleiche gilt für Beckenbauer und Netzer. Doch liegt in beider Spielkunst und – wenn auch nur sporadisch angedeutet – Spielverständnis miteinander der Keim für bessere Fußballzeiten. Die einzige große Chance der 1. Halbzeit wurde von Beckenbauer eingeleitet: sein Abspiel zu Wimmer und dessen Flanke zu Hoeneß war schnell und gescheit herausgespielt – Erfolgsfußball für 1974. Das Ausgleichstor leitete Netzer ein: er spielte Flohe frei, dessen Flanke köpfte Hoeneß ins Tor – Schema für 1974.

Helmut Schön wird also Günter Netzer im Mittelfeld freie Hand lassen und dazu Spieler stellen, die laufen und laufen und laufen... Beckenbauer bleibt der Kaiser und Organisator der hinteren Regionen mit Deckungsspielern an seiner Seite, die konsequent den Gegenspieler hetzen, verfolgen und bewachen und ihm damit zusätzlich die Möglichkeit geben, 30 Meter vor dem gegnerischen Tor aktiv zu werden durch schnelles Ab- und Anspiel seiner Partner. Die Gefahr fürs deutsche Spiel droht allerdings, wenn gegnerische Trainer Gegenspieler darauf programmieren, beide Stars permanent und möglichst vor und während der Ballannahme zu stören.

Argentinier und Brasilianer haben es vorexerziert – beide nehmen an der WM teil, gegen beide verlor die deutsche Mannschaft. Auch hier muß der Bundestrainer hart werden: das Privileg, in der Mannschaft zu regieren, bedeutet aber gleichzeitig die Pflicht, diese Rechte auf dem Spielfeld durch eigene Leistung zu verteidigen. Das Prädikat Weltklasse muß immer neu erworben werden, vor allem, wenn es gilt, sich im Turnier der besten Mannschaften der Welt durchzusetzen.