Altshausen\Oberschwaben

Ich“, so soll nach einer Ballade Kerners der württembergische Herzog Eberhard im Barte irgendwann zwischen Canossa und dem Augsburger Religionsfrieden von sich behauptet haben, „mein Haupt kann kühnlich legen, jedem Untertan in’ Schoß“. Schaut man nach Altshausen, einem kleinen oberschwäbischen Marktflecken, dann hat die selbstgefällige Behauptung des humanistischen Fürsten nichts von ihrer schwärmerischen Bedeutung verloren. Denn wo glückliche Kühe direkt neben Barockkirchen weiden und die Luft noch so sauber ist, daß der Herrgott noch allgegenwärtig sein kann – dort also wurde in der vergangenen Woche ein dreitätiges Fest gefeiert, das der Gast durchaus mit einer Tausendjahrfeier hätte verwechseln können.

Anlaß waren freilich nur 80 Lebensjahre, und im Mittelpunkt des Festprogramms stand auch nicht ein Dorf, sondern Philipp Albrecht, Herzog und gemäß dem Haus- und Staatsrecht des ehemaligen Königreiches Württemberg jener Mann, der heute auf dem Thron säße, gäbe es noch die Monarchie.

Doch die Ungunst der Weltläufte hat im November 1918 dafür gesorgt, daß Sozialdemokraten, unabhängige Sozialisten und Arbeiterräte nach preußischem Vorbild auch die schwäbische Monarchie zu den Akten gelegt hatten. Aber im Unterschied zu Kiel, München oder Berlin war die Stuttgarter Revolution höchstens ein „Revoltle“. Kaum hatte die neue Regierung die Macht übernommen, da dankte sie auch schon dem abgedankten König brav dafür, daß er „in allen seinen Handlungen von der Liebe zur Heimat und dem Volk getragen war und mit der Königin Charlotte in Werken der Nächstenliebe stets edel und hilfreich gehandelt hat“.

Die SPD, die schon wenige Tage nach dem Umsturz wieder zwei königliche Minister in ihre Regierung aufgenommen hatte, bekannte, daß sie Wilhelm II. sogar gewählt hätte, wenn er nur kein Monarch gewesen wäre. Und die königliche Regierung war zurückgetreten mit der sportlichen Bemerkung, sie wolle das Regieren „denen überlassen, die glauben, es besser zu machen“.

Die bis zum heutigen Tage glauben, es besser zu machen, die parlamentarische Landesregierung Baden-Württembergs, unterbrach in der vergangenen Woche gar eine Kabinettssitzung, um mit dem Hubschrauber nach Altshausen zu fliegen und dem Thronfolger zum 80. Geburtstag ihre Reverenz zu erweisen. Denn sie verstehen sich in diesem Land, die Abkömmlinge der Revolutionäre von damals und der Nachfahr eines Königshauses, der immer noch von den Vorzügen der Monarchie überzeugt ist und glaubt, daß den Urahnen damals Unrecht widerfahren ist.

Anders als in Bayern, wo der König vielfach noch ein Stück unbewältigter Vergangenheit ist, trösten sich in Württemberg Demokraten und Monarchen einträchtig über diesen Schicksalsschlag der Weltgeschichte hinweg. Weil das nun eben einmal passiert ist, gibt es keine unversöhnlichen Lager von Royalisten und Republikanern, sondern nur die gemeinsame Erinnerung daran, daß die Württemberger mit ihrem letzten König „im großen und ganzen zufrieden waren“, wie die Historiker schreiben.