Von Barbara C. Beuys

Gedenktage machen es schwer, Vergangenes unpathetisch und unparteiisch auf die Waage der Weltgeschichte zu legen. Dem Chronisten und seinem Kritiker steckt der Zeitgeist im Nacken, läßt Personen und Ereignisse je nach Jahreszahl unterschiedlich deuten. Neue Thesen werden über Nacht unglaubwürdig, zumindest zweifelhaft. Plötzlich bieten sich neue, Interpretationen an, Geschichte ist immer Zeitgenossenschaft. Zwei Chiffren belegen es in diesen Tagen: Kennedy und Watergate. –

Vor zwei Jahren gab es den ersten Rückblick: Zehn Jahre war es damals her, daß ein junger, energiegeladener Präsident der Vereinigten Staaten von seinem Land einen neuen Anfang gefordert und ihm versprochen hatte, neue Grenzen zu setzen. Damals, 1971, hieß das Stichwort Vietnam, und unter diesem Vorzeichen schmeckte die einst bejubelte Rhetorik des Präsidenten schal, schien der Kalte Krieg in der Ära Kennedy gar nicht so fern, wie die Zeitgenossen geglaubt hatten, wurde der moralische Anspruch dieses Präsidenten fragwürdig.

An diesem 22. November gibt es zum zweitenmal Grund zur Rückschau. Zehn Jahre ist es her, daß drei Schüsse in Dallas einen Mythos begründeten, der in den Publikationen der letzten Jahre nur sehr zögernd in Frage gestellt wurde. Zum Jahrestag sind stärkere Geschütze aufgefahren worden, daneben abermals wehmütige Erinnerungen seiner Freunde und eine historische Arbeit, die Kennedy – und Nixon – eine ganz neue Stellung in jenem Prozeß zuweist, der zur gegenwärtigen Verfassungskrise in den Vereinigten Staaten geführt hat.

Die amerikanischen Zeitschriften haben in diesen Wochen den Kalender begierig zurückgeblättert. Während Präsident Nixon mit seinem Hofstaat fern vom Volke residiert, sieht man den alten – und neuen – Helden Eiskrem lutschend auf dem Titelblatt von Esquire und mit seinen Kindern durch die Seiten von McCall’s toben – glücklich, ausgelassen, menschlich. In die gleiche Richtung zielen zwei Bücher: der Photoband mit Rückblicken von Hugh Sidey und die Erinnerungen von zwei Getreuen aus Kennedys engster Umgebung, Kenneth O’Donnell und „Dave“ Powers (aufgezeichnet von Joe McCarthy).

Hugh Sidey, Chef des Time-Büros in Washington, journalistischer Veteran der amerikanischen Politik, verhehlt seine Bewunderung für Kennedy nicht, doch verfällt er in keine Heldenverehrung (Bilder von der Beerdigung fehlen in dem Band). Sidey will auch keine endgültigen Urteile niederlegen und warnt die Kritiker der Kennedy-Ära, das gleiche zu tun. Für ihn sind politische Größe und Erfolg nicht in Abstimmungssiegen abzuzählen. „Die besondere Qualität Kennedys liegt darin, daß er irgend etwas im Leben Amerikas angesprochen hat, das in seiner Erinnerung weiterlebt.“

Vor zwei Jahren noch schien diese Qualität mit allzuviel Pathos verbrämt zu sein. Heute, im moralischen Sumpf von Watergate, ist man eher froh, auf Qualität zu stoßen, sieht man den Mythos mit anderen Augen. Das soll uns nicht täuschen: O’Donnell und Powers basteln eifrig weiter an den Legenden und verstricken sich dabei in etliche Widersprüche. Für sie ist Kennedy immer noch der Ritter ohne Furcht und Tadel, ein perfekter Wahlkämpfer, dem angeblich jede Show zuwider war; der sich niemals anbiederte und doch bei Müttern und Intellektuellen wie auf Knopfdruck positive Gefühle hervorrufen konnte; der schon 1961 von der Unsinnigkeit eines Engagements in Vietnam überzeugt war und angeblich nach seiner Wiederwahl alle Amerikaner von dort abgezogen hätte.