Fahrverbote am Wochenende, höhere Preise für Benzin und Heizöl und vereinzelt auch der Mangel an Dieseltreibstoff lassen uns fühlen, wie abhängig die europäischen Industrieländer von einer ungestörten Energiezufuhr sind. Doch solange die Situation nicht durch eigenes Verschulden verschärft wird – wie etwa in Großbritannien durch die Streikaktionen in Bergwerken und in der Elektrizitätswirtschaft –, sind die europäischen Staaten dank ausreichender Krisenvorräte auf Monate hinaus vor einer echten Katastrophe gefeit. Doch nicht nur die Industrieländer sind vom Mineralöl abhängig.

Viel härter und rascher werden viele Entwicklungsländer von den arabischen Erpressungsmanövern getroffen. Sie konnten es sich nicht leisten, Krisenvorräte anzulegen, und Preissteigerungen bei Treibstoffen bedeuten dort für Millionen Menschen eine kaum erträgliche Steigerung der Lebenshaltungskosten, Bei ihnen, geht es heute schon nicht nur um den sonntäglichen Besuch bei der Oma, der wegen Fahrverbots ausfallen muß, sondern bereits um die Fahrt zum Arbeitsplatz, zur Schule oder sogar um die Versorgung mit Nahrungsmitteln.

In Thailand beispielsweise ist schon seit zwei Wochen der Treibstoff für die Fischerboote knapp. Die Fischer verbringen entweder einen großen Teil des Tages damit, Dieselöl herbeizuschaffen, oder sie können überhaupt nicht mehr auslaufen. Die Versogung der Bevölkerung mit dem dort lebensnotwendigen Fisch droht zusammenzubrechen. Auch die Belieferung der Städte mit Reis und Obst ist gefährdet, weil den Lastkraftwagen der Sprit fehlt.

Vielen asiatischen Städten mit ihrer Millionenbevölkerung droht ein Verkehrschaos, wenn Busse und Taxis – die einzigen öffentlichen Verkehrsmittel – den Betrieb einschränken müssen. In Südkoreas Hauptstadt Seoul sind über 20 000 Busse im Einsatz, um die Bewohner zum Arbeitsplatz, zum Einkauf oder in die Schule zu bringen. Bliebe nur ein Teil stehen, wäre das Wirtschaftsleben der Stadt schwer gestört. In Bangkok wird bereits überlegt, ob die vor einigen Jahren aus den überfüllten Straßen verbannten Rikschas wieder zugelassen werden sollen. Den Ausfall der Busse, die täglich Hunderttausende über große Entfernungen befördern, könnten sie allerdings kaum ersetzen.

Auf den Philippinen werden pro Familie und Auto monatlich nur noch 20 Liter Benzin zugeteilt. Damit bei der Treibstoffknappheit wenigstens die Beschäftigten in Fabriken und Büros den Weg zum Arbeitsplatz zurücklegen können, mußten in Manila bereits die Schulen geschlossen werden. Noch weiß niemand, ob die Zwangsferien Wochen oder Monate dauern werden. Für philippinische Arbeiter, die pro Tag rund zwei Mark verdienen, bedeuten auch die wegen steigender Benzinkosten erhöhten Fahrpreise der Busse und Jeepneys – zu Großtaxen umgebaute, ehemalige Jeeps – eine kaum erträgliche Belastung. Einziger Trost: wegen des Klimas wird Heizöl für private Wohnungen nicht benötigt.

Wie sich der Energiemangel auf die Nahrungsmittelproduktion, die industrielle Erzeugung und den als Devisenbringer wichtigen Fremdenverkehr in den Entwicklungsländern auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Sicher ist jedenfalls, daß die Armen dieser Welt die ersten Opfer der arabischen Politik sind. Michael Jungblut