Von Ferdinand Ranft

Athen, im November

Nichts können wir gegenwärtig so wenig gebrauchen wie diese wilden studentischen Demonstrationen!" Der Mann, der mir das sagte, gehört zu den führenden Köpfen der griechischen Opposition, ist Mitglied der Zentrumspartei und ehemaliger Minister. Genau wie ihn, haben die Ereignisse der letzten Woche auch die anderen Oppositionspolitiker bei den ersten Vorbereitungen für die in Aussicht gestellten Wahlen überrascht. "Orthodoxe Kommunisten haben ihre Kader in den ziellosen studentischen Protest eingeschleust, wir haben die Gefährlichkeit dieser Aktion zu spät erkannt."

Begonnen hatte die dramatische Entwicklung in Griechenland bereits vor zweieinhalb Wochen, am 4. November. Nach einer Gedenkfeier für den vor fünf Jahren verstorbenen ehemaligen Ministerpräsidenten und Vorsitzenden der Zentrumspartei, Georgios Papandreou, war es zu ersten Schlägereien mit der Polizei gekommen, als Tausende, vor allem junge Athener, für die Demokratie und gegen die heutigen Machthaber Griechenlands demonstrierten.

Das Schnellverfahren gegen 17 festgenommene Demonstranten vor dem Athener Landgericht hatte die Gemüter weiter erhitzt, nicht zuletzt deshalb, weil gleichzeitig in der Presse aufsehenerregende Photos vom brutalen Vorgehen der Polizei gegen die Papandreou-Demonstranten erschienen. Fünf der Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Am Abend der Urteilsverkündung, am Dienstag, den 13. November, kam es zu ersten Sympathiekundgebungen der Studenten.

Zum Zentrum des studentischen Protests entwickelte sich rasch das Athener Polytechnikum, unmittelbar neben dem Archäologischen Museum in der Innenstadt. Die technischen Studenten befanden sich ohnehin in einer Auseinandersetzung mit dem neuen Kultusminister Sifnaios über Modus und Termin der nächsten Studentenratswahlen. Als keine Einigung zustande kam, besetzten sie ihre Hochschule und begannen sich zu verbarrikadieren. Zweieinhalb Tage lang harrten die Studenten aktionslos in ihrer selbstgewählten Belagerung aus. Aber in Sprechchören und auf Transparenten tauchten nun neben dem Ruf nach Freiheit und Demokratie auch die ersten kommunistischen Parolen auf: "Nieder mit der Junta und ihren amerikanischen Helfern!" – "Amerikaner raus aus Griechenland!" – "Kampf gegen die NATO-Mitgliedschaft Griechenlands!"

Auch die seit sechs Wochen im Amt befindliche neue zivile Regierung unter Spiros Markezinis unterschätzte bis zu diesem Zeitpunkt offensichtlich den Zündstoff, den der studentische Protest barg. Die kleinen Freiheiten, die seit der Volksabstimmung vom 29. Juli, bei der die Monarchie abgeschafft und eine neue Verfassung in Kraft gesetzt worden war, langsam Platz gegriffen hatten, taten ein übriges. Mitte August war als letzte Etappe der Belagerungszustand in Athen und Piräus aufgehoben worden. Und obwohl nach wie vor eine strenge Rechtsverordnung über das Pressewesen in Kraft ist, begannen sich die oppositionellen Stimmen in den Zeitungen wieder stärker zu regen. Schließlich bereitete auch die Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation – nach dem OECD-Index stiegen die Preise in Griechenland in den letzten zwölf Monaten um 19,3 Prozent – den Boden für unkontrollierbare Ereignisse.