Revolutionen brechen meistens aus, das hat schon Tocqueville bemerkt, wenn die Dinge sich zum Besseren wenden, nicht wenn sie am schlimmsten sind. Sie entstehen, wenn Entwicklungen zu langsam vorangehen, und sie richten sich gegen jene, die diese Entwicklungen hemmen. Dennoch, Erfolg haben Revolutionen nur, wenn sie zur rechten Zeit kommen. Sonst zerstören sie nur sich selbst – und die Hoffnungen, die sie tragen.

Ist eben dies jetzt in Griechenland geschehen? Haben die Studenten zu viel zum falschen Augenblick erreichen wollen? Haben sie der Regierung einen billigen Vorwand geliefert, die Schrauben wieder anzuziehen? Panzer und Soldaten hatten schließlich schon einmal, im April 1967, „Ruhe und Ordnung“ im Lande hergestellt, als es angeblich auf die Anarchie zutrieb. Haben sie nun die Ansätze einer Liberalisierung verschüttet?

Zunächst einmal muß die Welt konstatieren: Der Aufstand der Studenten von Athen, Saloniki und Patras hat Griechenland von politischen Freiheiten wieder weit entfernt. Er hat der Welt indes gezeigt, daß es dort noch Menschen gibt, die unter „normaler politischer Evolution“ etwas anderes verstehen als Papadopoulos. Das Demokratieverständnis griechischer Intellektueller läßt sich nicht vereinen mit den Vorstellungen eines, kraft maßgeschneiderter Verfassung, diktatorisch operierenden Präsidenten. Die bloße Ankündigung von Wahlen ersetzt nicht Parteien; die Amnestie für politische Gefangene bedeutet noch nicht Meinungsfreiheit Theodorakis-Lieder passen schlecht in einen Staat, in dem die Obrigkeit den Untertan an kurzer Leine hält.

Mag sein, daß Papadopoulos das Risiko einkalkuliert hat, als er die Zügel scheinbar lockerte, ja, daß er den Aufstand bewußt provozierte, um sich den Gegnern in den eigenen Reihen als starker Mann ins Gedächtnis zurückzurufen. Wenn er ihnen eine Falle gestellt hat, dann sind die ungeduldigen Studenten prompt hineingetappt. Gleichwohl fordern sie unseren Respekt: Denn sie scheuten keine Opfer, um zu demonstrieren, daß Demokraten sich nicht von Diktatoren vorprogrammieren zu lassen. Vy.