Er wolle, hatte Hamburgs neuer Staatsopernintendant August Everding zu Beginn seiner Amtszeit wissen lassen, weniger neue Opern selber in Auftrag geben, sondern sich mehr um jene Werke kümmern, die aus irgendwelchen Gründen in den letzten Jahren nicht in Hamburg hatten gezeigt werden können. Das erste solcher Werke war am vergangenen Sonntag zu besichtigen: „Lorenzaccio“, ein „romantisches Melodram“ von Sylvano Bussotti, eine Musikalisierung eines Schauspiels der französischen Romantik (Alfred de Musset, 1834 – Aufklärung und Weltschmerz, aphoristisches Kurzszenen-Theater, lyrische, burleske oder auch pathetische Träume mit politisch intendiertem Hintergrund).

Träume sind es auch bei Bussotti geblieben: Der Dichter Musset glaubt während eines Italienaufenthalts beim Studium einer Chronik – der Geschichte des Mordes, den Lorenzo de Medici an seinem Vetter Alessandro verübt hat – sein eigenes früheres Leben zu träumen. Phantasie mischt sich so mit Realität, Skurriles mit Rationalem, Damaliges mit Gestrigem und Heutigem, die zeitlichen wie die psychologischen Schichten durchdringen einander. Zu Mussets Text collagierte Bussotti Zitate zwischen Walther von der Vogelweide, Tasso oder Leonardo da Vinci und Joyce, Adorno oder Benjamin, eine Melange, deren sämtliche Ingredienzien allenfalls von Spezialisten nachzuweisen sein dürften. Wie vieles davon auch noch die Ansichten Bussottis wiedergeben mag, bleibt ungewiß.

Träume auch in der Musik. Zwischen dem Spätstil Arnold Schönbergs und den Tontraubentechnikern von gestern überwiegt ein hochgradig verdünnter Kammerensemblesatz, eine zwölftönig-serielle Pünktchenmusik, wie man sie in Darmstädter Exerzitien in den späten fünfziger Jahren vorfand. Einem wortgewandten und klug-komplizierten Programmheftaufsatz ist zu entnehmen, daß auch musikalische Zitate eingearbeitet sind von Verdi und Bach, Beethoven und Strawinsky, Schönberg, Webern und Bussotti – zu hören ist davon nichts. Das störte nicht weiter, wenn es nicht so anspruchsvoll-tiefsinnig interpretiert werden möchte, sich nicht so bedeutungsschwanger gäbe, denn:

Diese Musik ist auf eine aufwendig-kostbare Weise unbedeutend – eine ausdrucksstarke ariose Kantilene der Mara und das madrigaleske „Rara-Requiem“ als Epilog fungieren da nur als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Mag sein, daß es zur heutigen Musiktheater-Komposition gehört, keine dramatisierend wirkende musikalische Identifikation mehr zu wollen; mag sein, daß ein szenischer Vorgang nicht mehr die mehr oder minder synchrone hörbare Entsprechung benötigt; mag sein, daß die intellektuelle Steuerung sinnlicher Vorgänge heute ausreicht; mag auch sein, daß einer alten Tradition folgend Oper die Selbstdarstellung eines Monomanen nahelegt: Bussottis „Lorenzaccio“ ist vom musikalischen Inhalt her vielseitig, aber dennoch arm, kunstvoll und dennoch künstlich, langatmig, aber auch langweilig, weil spannungslos – ein geschmäcklerisches Prunken mit Hohlheiten.

Daß Bussotti Phantasie besitzt, zeigt sich in der von ihm entworfenen Ausstattung (sie gehörte schon zur Uraufführung in Venedig 1972; damals hatte Bussotti außerdem auch noch selber inszeniert und eine der Hauptrollen gespielt): eine splendide Versammlung von Renaissanceprunk und Pop-Fassade, skurrile Heterogenität, die Kombination des Unvereinbaren, Allegorie und Persiflage, Tiefsinn und Entlarvung zugleich, die Phantasmagorie eines Grenzenlosen.

Er wolle eine „semantische Hierarchie“ herstellen, sagt Wolfram Mehring, der den „Lorenzaccio“ inszenierte: „Je nach Situation wird ein Mittel beherrschend und klärend hervortreten.“ Zweifellos: dem Gestus des Zur-Schau-Stellens, den Bussottis Ausstattung begründet, entspricht Mehring, der in seinem Maskentheater („de la Mandragore“) lediglich durch Bewegung und Konstellation seiner Figuren eine unglaubliche Dichte und Expressivität erreichte, in zeitlupenhaften Bewegungen, in choreographisch angeordneten und bewegten Bildern, in der pompösen Gebärde, in grotesken Formationen, in der verblüffenden Attitüde sehr exakt. Wenn er etwa zu Beginn der Traum-Realität lediglich einen Verfolger-Scheinwerfer über eine Gruppe am Boden Liegender und über Festungsmauern wandern läßt, liegt darin mehr von Umgebung abtastendem Suchen, als es viele Worte zu sagen vermöchten. Oder wenn jemand in der Art, wie er einen Degen betrachtet, sein Zögern oder ein Höfling in der Handhaltung seine ganze Devotion manifestiert, so erkennt man, daß auch in der Oper nicht nur die klischierte Geste möglich ist. Star des Abends ist Janine Grillon – fast eine Pantomime ist zu nennen, wie sie, grazil und herb, verträumt und explosiv, haltlos und zum kalten Mord entschlossen, den Lorenzaccio spielt.

Liebenswerter Einsatz und dennoch Versuche am untauglichen Objekt also, was an Bemühungen von der Staatsoper vorgestellt wurde. Intendant August Everding wird sich fragen, ob er sich weiterhin um so Vergessenswertes oder nicht doch ein bißchen mehr um wirklich Versäumtes kümmern will.

Heinz Josef Herbort