Von Klaus-Peter Schmid

Ganze 30 Parlamentarier hörten in der Pariser Nationalversammlung zu, als in der vergangenen Woche Frankreichs Außenminister Michel Jobert zu einem europäischen Klagelied ansetzte, wie man es an der Seine schon lange nicht mehr gehört hatte. Der zornige Refrain: Das russisch-amerikanische "Kondominium" hat Europa im Nahost-Konflikt zur "Unperson" degradiert.

Michel Jobert, 52 Jahre alt, seit dem Frühjahr Frankreichs oberster Diplomat, redete "mit einer Überzeugung, die angesichts seiner schwachen rednerischen Gaben zum Pathos geriet" (Le Monde). Nur selten hatte man den kleinen Mann mit der großen Energie von Begeisterung sprechen hören. Und nun forderte er gar Enthusiasmus auf dem Weg zum politischen Europa. Jobert: "Europa kann und muß eine wichtige Lehre ziehen. Viele Völker erwarten nicht, daß es sich aufbäumt, sondern daß es endlich entsteht."

Die Europäer rieben sich die Augen. Hatte Jobert zur großen Kehrtwendung in der französischen Außenpolitik geblasen? War das ein Schlußstrich unter eine lange gaullistische Tradition, die vom Mißtrauen gegen die politische Union geprägt war? Oder wollte Jobert lediglich die Gunst der Stunde nutzen, um die Partner der Gemeinschaft in einer neuen antiamerikanischen Front zu sammeln?