Von Carl Wesson

Sicher werden wir weiterhin freundlich sein und anderen bei ihren Energieproblemen helfen, soweit wir können“, meinte Donald S. McDonald. „Aber wenn die Lichter bei irgend jemanden ausgehen müssen, warum sollen es unsere sein?“

Der sparsame Mann mit dem schottischen Namen ist kanadischer Minister für Energie, Bergbau und Rohstoffe. Sein vorsorglich vorgetragener Egoismus, vor einigen Monaten geäußert, sollte allzu hochgeschraubte Erwartungen der kanadischen Bündnispartner für den Tag X dämpfen: Kanada ist nicht bereit, im Fall einer Energiekrise seine immensen Ölvorräte den hungrigen Nato-Partnern – Westeuropa und die USA – zuliebe verstärkt auszubeuten.

Jetzt ist der Tag X gekommen – durch die arabische Ölsperre schneller als erwartet. Und neidisch schielen die Energieexperten der Supermacht USA über die Grenze nach Norden: Ihnen muß sein, als wäre ein gigantisches Ölfaß direkt vor ihrer Haustür zugeklappt worden, während im eigenen Keller die Brennstoff-Vorräte zur Neige gehen. Die Selbstbesinnung der Kanadier – nicht zuletzt durch allzuviel Einfluß der amerikanischen Wirtschaft im Land gefördert – gilt vor allem einem schwarzen Schatz am Athabasca-River, mitten im nordischen Urwald der Provinz Alberta: dem Ölsand.

Einer verrückten Laune der Natur gleich ist rings um das Städtchen Fort McMurray herum der Untergrund gleichsam geteert. Auf einem Areal größer noch als Bayern lagert dicht unter der dünnen Pflanzendecke eine mächtige Schicht aus Sand, die – ähnlich wie eine Lage Kies beim Straßenbau – völlig mit Öl durchtränkt ist: „Eine der größten einzelnen Öllagerstätten der Erde“, so John Barr von der kanadischen Ölfirma Syncrude. Rund 50 Milliarden Tonnen schwarzes Gold, fast sechsmal mehr als im übrigen Nordamerika einschließlich Alaska bisher nachgewiesen werden konnten, hoffen die Ölsand-Experten dereinst bergen zu können – einen Energiehort, wie er sonst nur im Bereich des Persischen Golfs bekannt ist.

„Für den Ölsand kann das Jahr 1973 die erste Umdrehung eines Schneeballs sein“, schwärmt Syncrude-Sprecher Bob McRory, „der zu enormen Dimensionen anwachsen kann.“ Denn 1973, darin sind sich die Ölsandspezialisten der großen Konzerne spätestens seit dem arabischen großen kott einig, ist „das Jahr des Sandes“. Und allenfalls die haushälterische Politik von Minister McDonald kann den Boom am Athabasca noch aufhalten.

Schon heute produziert die Prototypen-Anlage der kanadischen Gesellschaft „Great Canadian Oil Sands Ltd.“ (GCOS) knapp 30 Kilometer nördlich von Ford McMurray jährlich ein Drittel der Ölmenge, die in der Bundesrepublik gefördert wird: 2,5 Millionen Tonnen. Und GCOS-Konkurrent Syncrude will demnächst seine Probearbeiten wenige Kilometer weiter nördlich in eine Aufbauphase für ein noch größeres Werk umwandeln. Bis in einem Jahrzehnt soll die Ölgrube allein so viel Petroleum produzieren, wie die Schweiz verbraucht: 7,5 bis 10 Millionen Tonnen jährlich.