Mit enormem Arbeitseinsatz, mit archivarischem Spürsinn und systematischer Aufbereitung weithin unbekannten Materials hat sich Wulf Herzogenrath an ein Thema gewagt, das in der Literatur zur Kunst des 20. Jahrhunderts beiläufig abgetan wurde – und das, obgleich die Künstler selbst es ungeheuer ernst und wichtig genommen haben: das Wandbild, oder, um mit Schlemmer zu sprechen, die Wandgestaltung. Das Wandbild wird nicht als Fortsetzung der Tafelmalerei mit andern Mitteln verstanden, sondern als das eigentliche, das im Sinne Schlemmers mysteriöse Ziel allen künstlerischen Bemühens. Schlemmer spricht von der „Sehnsucht nach der Wand“. Wenn man Herzogenrath gelesen hat, kann man nicht mehr daran zweifeln, daß diese Sehnsucht Schlemmers Lebenswerk bestimmt – und daß er sie mit vielen Malern seiner Epoche teilt, mit seinem Lehrer Hölzel ebenso wie mit Meyer-Amden und Baumeister, aber auch mit Heckel und Kirchner. Das Wandbild sollte die Isolation des Künstlers und seiner Arbeit überwinden; es sollte Kommunikation ermöglichen, Resonanz und Effizienz verstärken: Kunst als Gemeinschaftserlebnis (die damalige Formel für „gesellschaftliche Relevanz“). Außerdem besaß das Wandbild als Bestandteil der Architektur in den Augen der Künstler die Qualität überzeitlicher Dauer und Unzerstörbarkeit: Es hatte die Möglichkeit, wie die Fresken Giottos, die Jahrhunderte zu überleben. Aber das meiste, was in den zwanziger Jahren an Wandbildern entstanden ist, wurde entweder im Dritten Reich zerstört oder ist im Zweiten Weltkrieg untergegangen. Das gilt gerade auch für Schlemmer. Im Werkkatalog der Wandgestaltungen sind 25 Projekte aufgeführt, die zum größten Teil nur noch in Entwürfen, Photographien und Rekonstruktionen vorhanden sind. Die Wandbilder, die er Ende der zwanziger Jahre für den Brunnensaal des Museums Folkwang gemacht hat, wurden bereits 1933 aus dem Museum entfernt und sind seitdem verschollen. Aber auch die sorgfältig gesammelten Fragmente seiner Wandmalereien sind eindrucksvoll und von hohem Informationswert, weil sie die innere Problematik dieser Arbeit dokumentieren, das zutiefst utopische Element, das in der Sehnsucht nach der Wand enthalten ist. Wandmalerei setzt einen Konsensus zwischen den Zielvorstellungen des Künstlers, des Auftraggebers und der Öffentlichkeit voraus, der in der Theorie, in den Bauhausmanifesten eine Rolle spielt, aber in der Praxis unerreichbar war. (Wulf Herzogenrath: „Oskar Schlemmer – Die Wandgestaltung der neuen Architektur“; Prestel-Verlag; München, 1973; 310 S., 580 Abb.; 175,– DM) Gottfried Sello