Immer mehr Bürgerinitiativen bedrängen in Köln die Politiker – mit Erfolg

Von Volker Mauersberger

Wenn die Behauptung Gustav Heinemanns zutrifft, wonach das auslaufende Jahr ein Jahr des Bürgers gewesen sei – Köln am Rhein müßte einen Ehrenpreis erhalten. Denn die Domstadt, die sich auf ihre liberale Gesinnung viel einbildet; und diese nicht nur zur Karnevalszeit verteidigt, ist zum Zentrum einer Bürgerbewegung geworden.

Ihre Initiatoren verkünden selbstbewußt: „Köln gehört uns.“ Neun Bürgerinitiativen fanden sich kürzlich zusammen, um im Trubel eines verkaufsoffenen Samstags den Passanten zwischen Neumarkt Hahnentor und Schildergasse solches Selbstbewußtsein nahezubringen und den Bürgern einzureden, daß man sich im Kampf um Kinderspielplätze oder, gegen Luftverschmutzung selber helfen könne. Ihre Akteure empfahlen gezielte Aktionen gegen die Kommunalpolitiker in den Rathäusern, und ihre Flugblätter rieten auf kölsch: „Zieht den Bürkraten an de Schwänz, für uns Pänz.“

Bürgerinitiativen sind seit einigen Jahren zur normalen Erscheinung westdeutscher Groß- und Mittelstädte geworden, und ihre Mitglieder haben sich längst daran gewöhnt, als Repräsentanten demokratischer Mündigkeit oder als Verfechter elitären Cliquendenkens interpretiert zu werden. Gemeinsam ist allen eine Parteienverdrossenheit, die als durchaus neue Gefühlslage in diese Bewegung mit einströmt und die den heraufziehenden Kommunalwahlkampf nicht unerheblich beeinflussen dürfte – besonders in Köln, wo sich die neun Bürgerinitiativen zu einem Aktionsbündnis zusammengeschlossen haben, das den Wahlkampf aller drei im Rathaus vertretenen Parteien mit kritischer Aufmerksamkeit begleiten wird.

Bürgermeister Burauen wurde mit dem Unmut aufgebrachter Bürger bereits vor drei Jahren konfrontiert, als zweihundert Eltern des „Vringsveedels“ und über hundert Kinder vom Römerpark in der südlichen Altstadt ein ehemaliges Universitätsgebäude besetzten, um auf eigene Faust einen Kindergarten zu betreiben: Vor dem Aufstand der Knirpse, die mit Spielzeug, Malkasten und Kasperletheater angerückt waren, hat Burauen damals kapituliert. Er sagte der Bürgerinitiative Altstadt-Süd einen provisorischen Kindergarten zu, der noch heute existiert – ein Beweis dafür, daß eine Initiative von Bürgern durchaus Erfolge erringen kann.

Freilich sind es immer nur kleine Fortschritte, die nach mühsamer Mobilisierung der Betroffenen, nach endlosen Diskussionen in der Eckkneipe und entmutigendem Schriftverkehr mit der städtischen Bürokratie erzielt werden: wenn Kölns Altstadt zwischen Salzgasse und Buttermarkt heute vom Autoverkehr weitgehend freigehalten wird und die Passanten ungestört flanieren können, ist dies dem unverdrossenen Kleinkrieg der Bürgerversammlung Altstadt zu verdanken, die diesen Stadtteil Kölns in seiner architektonischen und sozialen Struktur erhalten will. „Bei uns sind die Omas und die Langhaarigen, die Familienväter und die Kinder auf dem Spielplatz einig im Kampf gegen die Zerstörung unseres Viertels. Wir lassen uns nicht aus der Altstadt vertreiben.“