Von Gottfried Sello

Die Stadt in der Krise: Die Aktualität des Themas läßt sich leider nicht bestreiten. Immer mehr Leute sehen ein, daß die rapide Entwicklung unserer Städte zu Ballungszentren aus Beton und Stahl mit dem Verlust an Urbanität zu teuer bezahlt wurde. Bürgerinitiativen laufen Sturm gegen die antihumanitäre Stadtplanung. Die Stadt soll das menschliche Ambiente zurückgewinnen, das sie irgendwann im Prozeß ihres hektischen Wachstums verloren hat. „Lange bevor über uns die Bomber erschienen / Waren unsere Städte schon / Unbewohnbar. Den Unrat / Schwemmt uns / keine Kanalisation aus“, schrieb Bert Brecht. Bewohnbarkeit wird als das humane Kriterium verstanden, um die Qualität von Architektur und Städtebau zu messen. Darin sind sich die Jungsozialisten mit den Denkmalpflegern und Landeskonservatoren einig, wenn sie vorhandene städtebauliche Substanz erhalten wollen.

Was hat die bildende Kunst, was haben die Maler zu diesem Fragenkomplex beizutragen? Mehr vermutlich, als sich die meisten Kunstfreunde und Museumsgänger bisher haben träumen lassen – und weniger, als es einer soziologisch ausgerichteten Kunstwissenschaft lieb sein kann. Das jedenfalls ist der Eindruck, den die Kunsthalle Bremen dem Besucher der großen Jubiläumsausstellung vermittelt (der Kunstverein in Bremen feiert sein 150jähriges Bestehen).

Die Stadt in der Malerei der letzten 150 Jahre, heißt das Thema. Fast 250 Exponate aus Dutzenden von deutschen und ausländischen Museen und Sammlungen (viele und wichtige Bilder stammen allerdings aus Bremer Eigenbesitz) hat Günter Busch als Beleg- und Anschauungsmaterial in seinem Museum vereinigt, eine historische Übersicht, die aber ganz bewußt „gerade im Hinblick auf die aktuelle Problematik der Stadtwelt“ gegeben wird.

Was Günter Busch hier formuliert, entspricht einer generellen Tendenz, die heute offenbar auch vor Museen mit einem eher konservativen Image nicht haltmacht. Bilder werden nach ikonologischen Gesichtspunkten präsentiert und nicht ihrem Inhalt befragt. Sie werden primär nicht als ästhetische Objekte, sondern als Informationsträger gesehen.

Eine nützliche und eine fragwürdige Effizienz Günter Busch wäre der letzte, der die Effizienz eines Bildes auf seinen inhaltlichen Informationswert eingrenzen würde. Die Bremer Ausstellung läßt es denn auch, glücklicherweise, an konsequenten Akzentuierung des Belegcharakters der Bilder fehlen. Der gesamte Bereich der Trivialkunst einschließlich Illustration und offizieller oder Salonmalerei, der unentbehrlich ist, wenn man thematische Aspekte dokumentieren will, bleibt unberücksichtigt. Man bewegt sich in den oberen Rängen der Kunst, unter den großen europäischen Malern, was dem Niveau der Ausstellung zugute kommt, aber ihren Informationseffekt vermindert oder vielmehr doch wieder auf eine ästhetische und subjektive Dimension verlagert. Man erfährt nicht viel über die krisenhafte Entwicklung der Stadt in den letzten 150 Jahren und den Verlust an menschlicher Substanz. Für die in Bremen versammelten Maler ist die Stadt kein soziologisches Faktum mit vorwiegend negativen gesellschaftlichen Auswirkungen, sondern ein Bildmotiv, wie, die Landschaft, wie das Porträt, ein optisches, ein atmosphärisches, ein farbiges Phänomen, auf das sie mit einer individuell differenzierten Sensibilität reagieren.

Die historische Perspektive – vom humanen städtischen Ambiente des frühen 19. Jahrhunderts zur menschen- und kommunikationsfeindlichen Großstadt von heute – wird schon durch die nichtchronologische Bilderfolge außer Kurs gesetzt. Die Bilder sind nach Motiven geordnet, die mit Beispielen aus den verschiedenen Zeit- und Stilepochen belegt werden. Daraus ergeben sich ganz ungewohnte Nachbarschaften.