Von Erika Asbrink

Im Jahre 1938 wurde deutschen Bürgern jüdischer Herkunft ein drei Zentimeter hohes rotes J in den Paß gestempelt. Dieses Zeichen ermöglichte den ausländischen Grenzbehörden, sofort festzustellen, ob Reisende zu der Kategorie gehörten, die „als nicht erwünschte Personen beim Grenzübertritt abzuweisen seien, da es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Menschen handelte, die ohne ein persönliches Risiko nicht nach Deutschland zurückkehren konnten“. Mit dieser langen Umschreibung waren Nicht-Arier, also Juden gemeint, aber dieser Bezeichnung gingen die schwedischen Ämter so lange wie möglich geflissentlich aus dem Wege, um ja nicht die nationalsozialistischen Machthaber zu verstören. Schweden wollte sich nämlich die immer größer werdenden Flüchtlingsprobleme vom Halse halten. Der Stempel diente als praktische Handhabe.

Schwedens Anteil an jenem Rassenstempel wurde kürzlich in der Doktorarbeit eines schwedischen Forschers aufgedeckt und klargelegt: Sie erschien in der Reihe „Sverige under andra världskriget – Schweden im Zweiten Weltkrieg –, einem großangelegten, unvoreingenommenen Forschungsprojekt:

Hans Lindberg: Svensk flyktingpolitik under internationellt tryck 1936/41, ca. 350 Seiten.

Hans Lindberg gibt in seiner Arbeit über „Schwedische Flüchtlingspolitik unter internationalem Druck 1936/41“ ein objektives Bild von Hintergründen und Motiven, Stimmungen und Strömungen, Bestimmungen und Verordnungen einer nicht ganz ruhmvollen Flüchtlingspolitik in jenen Jahren, als jüdische Bürger aus dem Deutschen Reich und den von Hitler annektierten Ländern wie Österreich und der Tschechoslowakei im Ausland eine Zuflucht suchten. Der Autor kann sich auf bisher geheimgehaltenes und daher unveröffentlichtes Material aus dem Archiv des Schwedischen Auswärtigen Amtes „UD“ stützen, außerdem auf Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen damaliger leitender Politiker.

Die verantwortlichen Männer der Regierung mit dem Premierminister Per Albin Hansson an der Spitze (1936/39 bestand eine Koalition der Sozialdemokraten mit der Bauernpartei; bei Kriegsausbruch wurde eine „samlingsregering“ aus allen Parteien gebildet) waren gezwungen, dieses Problem mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung zu behandeln. Im Reichstag und auch sonst in der Öffentlichkeit hoben sie hervor, daß es sich wegen der innen- und außenpolitischen Bedeutung um eine politische Frage handele. Deshalb müsse die Regierung selbst die Fäden in der Hand behalten. Somit würde über das Wohl und Welle der vor Tod und Verderben fliehenden Menschen von wenigen Männern entschiedendie Realpolitik zu betreiben hatten. –

Obgleich von einer jüdischen Massenimmigration niemals die Rede war – insgesamt sind in jenen Jahren etwa 10 000 Verfolgte aller Kategorien nach Schweden eingewandert –, machte sich schon Anfang der dreißiger Jahre in gewissen Kreisen eine erschreckende Rassenhysterie bemerkbar. In der Presse und sonstigen öffentlichen Debatten wurde von einer drohenden Vernichtung der „reinen schwedischen Rasse“ gesprochen und geschrieben. Nicht zuletzt akademische Kreise zeigten sich beängstigend engstirnig. So veranstalteten Studenten aus Uppsala einen Fackelzug und eine Demonstrationsversammlung, wobei sie in einem „untertänigen Schreiben“ an König Gustav V. darum baten, „die Zukunftsmöglichkeiten der akademischen Jugend Schwedens nicht durch fremde intellektuelle Arbeitskraft aufs Spiel zu setzen, sondern die vorhandenen Arbeitsplätze verdienstvollen schwedischen Männern und Frauen vorzubehalten“. Der Anlaß zu diesem Protest war ein Dutzend jüdischer Ärzte, Zahnärzte und Apotheker, die in Schweden unterkommen wollten.