Unbemerkt von der Öffentlichkeit und ohne strengen Kontrollen zu unterliegen, werden heute in der Bundesrepublik von Gehirnchirurgen Operationen ausgeführt, die in den USA auf dem besten Wege sind, aus den medizinischen Textbüchern gestrichen zu werden.

Es handelt sich um psychochirurgische Eingriffe, sogenannte stereotaktische Operationen zum Zwecke der „Verhaltensmodifikation“. Dabei wird mit einem Messer, mittels Ultraschallenergie, Elektrizität oder einer Injektion von heißem Olivenöl ein bestimmter Bereich im menschlichen Gehirn zerstört. In Deutschland sind solche Operationen bei Homosexuellen angewandt worden, um sie in „normale“ Menschen zu verwandeln. Unlängst operierte ein Chirurg an der Universitätsklinik in Göttingen das Gehirn eines jungen Mannes, um ihn von seiner Rauschgiftsucht zu befreien.

In den USA, wo die Psychochirurgie in den letzten Jahren einen ähnlichen Aufschwung wie in der Bundesrepublik genommen hat, kam diese Methode in jüngster Zeit zunehmend ins Kreuzfeuer der Kritik. So überzeugend sind die Argumente der Psychochirurgie-Gegner, daß die US-Regierung keine einschlägigen Operationen – etwa bei Strafgefangenen – oder Forschungsprojekte mehr finanziert. Selbst Institutionen wie das National Institute of Mental Health gewähren keine Beihilfe mehr. Die einflußreiche Kriegsveteranenbehörde (Veterans Administration) schränkte unlängst die Anwendung der Psychochirurgie in ihren Hospitälern drastisch ein.

Hauptpunkte der Kritik, die übrigens von amerikanischen Psychiatern zusammengetragen wurden: Die Lobotomie (Psychochirurgie) vermag zwar das Verhalten von Patienten zu verändern, aber die Zerstörung von Gewebe der vorderen Hirnlappen hat langfristig den Verlust solcher menschlicher Fähigkeiten zur Folge wie Selbsteinsicht, Empathie oder Sensitivität; mehrere Studien zeigten, daß diese Operationen auf lange Sicht gesehen den Patienten in keiner Weise helfen – was blieb, war eine zerstörte Persönlichkeit und eine niedrige Lebenserwartung; bei der Lobotomie wird gesundes Hirngewebe zerstört, wodurch sich die intellektuelle und emotionale Reaktionsfähigkeit des menschlichen Geistes vermindert.

Es war der portugiesische Arzt Antonio de Egas Moniz, der 1936 den ersten dokumentierten psychochirurgischen Eingriff vornahm. Er berichtete, daß er die Angstgefühle eines Patienten durch Unterbrechung der Verbindung zwischen Thalamus und Gehirnvorderlappen beseitigte. Sechs Monate später folgten die ersten Operationen in den USA. Der Arzt Walter Freeman führte damals an die 4000 Lobotomien aus. Bis in die fünfziger Jahre wurden in den USA etwa 50 000 psychiatrische Patienten gehirnoperiert. Mit Entwicklung der Elektroschockmethode und dem Auftauchen der Psychopharmaka ging die Bedeutung der Lobotomie dann etwas zurück.

In den letzten Jahren kehrte das Verfahren aber um so lebendiger in die Operationsräume zurück. 1970 und 1971 wurden in den USA zwischen 1200 und 2000 stereotaktische Eingriffe vorgenommen.

Unter den Indikationen für diese Lobotomien finden sich Homosexualität, Frigidität, Agoraphobie, also Platzangst, zwanghafter Trieb zum Glücksspiel, Depression, Angst, Neurose, Schizophrenie, kriminelles Verhalten, Alkohol- und Drogensucht. Psychochirurgische Eingriffe sind in Einzelfällen auch an rabiaten Gettobewohnern, neurotischen Frauen und hyperaktiven Kindern vorgenommen worden.