ZDF, Sonntag, 18. November: „Die Großen der Musik: Johannes Brahms“, Siegfried Kross und Peter von Zahn

Es geschah fast alles wie in einer bösartigen Persiflage über Porträtschnulzen – und so eine war dieser nicht endenwollende Film über „das Leben, die Persönlichkeit und die Musik des großen Komponisten“ Brahms. Von dem Regisseur Jörn Thiel gelenkt, langweilte sich die Kamera, schlich sich ratlos über Friedhöfe und bohrte sich dabei durch Nebelschwaden, welche seltsam oft wallten, sie wand sich an Domfenstern entlang, strich um den Bremer Roland, während noch von was ganz anderem die Rede war, verfolgte devot ein unentwegt über Brahms schwatzendes Paar, verirrte sich hilflos in melancholische Landschaften und konzentrierte sich, während endlich mal von Musik die Rede war, auf Kronleuchter: Was sie zeigte, war wie eine sentimentale Gedankenabschweifung.

Tatsächlich ging es gar nicht um Musik, sondern nach Art einer angestaubten Regenbogenpresse um so etwas wie: Brahms und die Frauen. Musik spielte sich, seltsam oder zu spät angesagt, als eine Art Edel-Muzak ab: illustratives Hintergrundgesäusel, um die Leere dieses Films aufzufüllen, den Salonklatsch, zu der die Biographie verschnitten wurde. Am Ende fragte man sich Verwirrt, wer dieser Herr Brahms denn nun wirklich gewesen sein könnte.

Zu einem großen Teil lag das an der manieristischen Form der Darstellung: Der Bericht sollte sich um das gebildete Geplauder eines Mannes und einer Frau ranken. Jedoch, teils gaben sie mit Wissen an, teils fragten sie sich ab, sie wechselten ohne Unterbrechung zwischen Staunen und Besserwisserei und ließen aufdringlich merken, daß sie Papier deklamierten, obwohl doch der Gebrauch des Wortes „übrigens“ spontane Reaktionen vorspiegeln sollte. Und während das Gespräch weiterging, änderten sich die Schauplätze wie bei einer Zauberei.

Es fielen Sätze wie „Herr Professor Kross, was sagt die Forschung dazu?“ oder „Er machte Musik, nur Musik“. Es gab Erscheinungen wie ein Ballett, das nach Brahms-Walzern durch Wald und Feld wehte und kannellierte Säulen umgirrte. In Ermangelung leibhaftiger Zeugen trieb das Duo Kross-von Zahn den Großneffen einer Pörtschacher Postmeisterin auf, mit der der „Große der Musik“ oft ins Gasthaus gegangen war und ihr hernach fünfzehn Briefe geschrieben hatte, welche auf Wunsch des Meisters leider verbrannt worden seien. Währenddessen hatte man noch einen Tip im Ohr, demzufolge man den Wörthersee in seinem Violinkonzert zu spüren vermeine.

Von Musik erfuhr man so gut wie nichts in diesem sentimentalen Film, der eigentlich auch kein Publikum hatte: Wer schon etwas wußte über Brahms, wurde gelangweilt oder abgestoßen, wer Brahms kennenlernen wollte, wurde verwirrt (sofern er nicht schon schlief).

Manfred Sack