Ach du jemineh", sagt Mrs. Jessica Tilehouse, eine altjüngferliche, leise geistesverwirrte Dame in den Vierzigern. "Ach du jemineh. Diese schreckliche See, dieses schreckliche Leben."

Viel mehr als dieser vage Seufzer bleibt nicht übrig nach drei Stunden Edward Bond, nach drei Stunden teils eintönigen, teils verwirrend alptraumhaften Theaters. Selten hatte ein so reiches Stück eine so dürftige Botschaft. Je länger man sich nämlich "Die See" besieht, je weiter man sich der Suggestion einiger szenischer Bilder entzieht, um so offenkundiger wird: Genaueres als "Ach du jemineh" sagt dieses Stück eigentlich nicht.

Die Szenenanweisung klingt lapidar und geheimnislos: "Eine Kleinstadt an der englischen Küste, 1907." Doch scheinbar nur ist Bond aus den hehren Regionen der Parabel ("Schmaler Weg in den tiefen Norden"), des Weltendramas ("Lear") zu realerem, konkreterem Theater zurückgekehrt. Denn wieder ist dies ein Stück voller Geheimnisse und voller Geheimnistuerei, wieder leben darin Menschenwesen wie aus Märchen und wüstem Traum. Es gibt eine böse Königin in diesem Spiel, es gibt das arme, geschundene Opfer, und es gibt den weisen Narren. Dazu Harmloses an den Rändern – ein bißchen böser Boulevard und eine blasse Liebesgeschichte. Ein Stück, so reich wie richtungslos, so poetisch wie phrasenhaft. Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Beherrscht wird Bonds bizarrer Mikrokosmos von einer Dame, die Mrs. Rafi heißt: Sie spielt Königin in dem windigen, elenden Nest, regiert über ein Volk von Mittelmäßigen. Sie lebt längst nicht mehr, sie zelebriert nur noch Theater, mit sich selber in der Hauptrolle. Todesfälle wie der, mit dem das Stück beginnt (ein Stadtbewohner ertrinkt auf mysteriöse Weise), sind für Mrs. Rafi lediglich ein Anlaß zu majestätischen Deklamationen. Sie terrorisiert ihr Volk, und sie genießt den masochistischen Genuß ihrer Opfer, von ihr terrorisiert zu werden. In Hamburg spielt das (unvergeßlich) Marianne Hoppe: mit wunderschönen, eiskalt exerzierten Gebärden, mit einem klirrenden, bösen Konversationston, mit Theatermitteln, die aussehen wie hundertjähriger, erfrorener Boulevard.

Das ärmste von Mrs. Rafis Opfer ist Mr. Hatch, ein kleiner, phantasiereicher Mann, zu einem phantasielosen Gewerbe verurteilt: als Tuchhändler muß er sich sein Leben verdienen, während er doch tiefe, böse Träume hat. Dieser Mr. Hatch (ein kurioser Bastard aus Woyzeck und Erich von Däniken) ist nämlich besessen von einer paranoiden Wahnvorstellung: daß Lebewesen von anderen Sternen seine Erde, sein England gewaltsam erobern wollen. So hat er sich selbst zum Führer ernannt im Kampf gegen die außerirdischen Wesen und hat mit ein paar verwirrten, glückverlassenen Gefährten eine Art Bürgerwehr gebildet gegen den Feind aus dem Weltraum. Er will, daß die Küstenwache alle Schiffe in Seenot absaufen läßt, weil es "in Wirklichkeit geheime Landungen aus dem Weltall" sind.

Eine Figur, in der alle Phobien, alle Sexualängste eines gedemütigten Kleinbürgertums versammelt sind – die Furcht vor dem Überfall aus dem Weltraum beschreibt Bond als die ins Phantastische sublimierte Angst, vergewaltigt, kastriert zu werden. Und diese Angst entlädt sich in grotesken Ritual- und Sexualmorden, die nur leider (Pech eines ewigen Kümmerlings) gar keine Morde sind: Erst zerschnippelt Hatch rauschhaft seine Stoffballen, später zersticht er, im Wahn, den Feind aus dem Weltraum zu töten, die Leiche eines Ertrunkenen – und aus dem Körper fließt Wasser statt Blut.

Herbert Mensching hatte vielleicht recht, diese Schreckensfigur nicht zur großen pathologischen Studie hochspielen zu wollen; wunderbar die Momente, wo sein subaltern beflissenes Gesicht plötzlich in Traum und Trance wegschlief. Doch Abgrund und Gefährlichkeit der Figur mußte Mensching theaterhaft-angestrengt erspielen; für die Finsternis eines solchen Wesens sind die Theatermittel dieses Schauspielers vielleicht doch ein wenig zu nett, zu rund, zu gesund.