Kiel

Oberstleutnant Dr. Werner Witt fühlt sich nun noch enger mit dem Schicksal des Führerstellvertreters Rudolf Heß verbunden. Beide warten vergeblich auf den Dank des Vaterlandes, der eine hinter Gittern, der andere demnächst vor den Schranken eines Disziplinargerichts. Dabei hatte der Eutiner Stabsoffizier nur versucht, „von Deutschland für die Zukunft Schlimmeres abzuwenden“.

Das jedenfalls schrieb der Offizier unter Nennung seines Dienstgrades an rund 400 alte Kameraden von der nationaldemokratischen Front, deren Herz seiner Meinung auf dem rechten Fleck sitzt, Witt, der sich als Personalreferent der NPD des Kreisverbandes Ostholstein bezeichnet, krönte sein privates Schreiben mit der geschichtlichen Parallele: „Dem damaligen Bundeskanzler Brandt-Frahm-Martin-Flamme (oder wie er sonst noch heißen mag) wird der Friedensnobelpreis verliehen, während eine Persönlichkeit wie der 79jährige Rudolf Heß, der im Krieg durch seinen Flug nach England den Frieden für das deutsche Volk erringen wollte, seit über 30 Jahren in Spandau hinter Gittern schmachtet“. Die Politik seines obersten Chefs treibt nach Witts Meinung die Bundesrepublik in die Isolation und „bringt sie in eine bedrohliche Situation“.

Bedrohlich ist die Lage vorerst jedoch lediglich für den Politoffizier geworden. Ausgerechnet er selbst, der in seinem Rechtsschreiben über „die Liste der Dinge, die faul in unserem Staate sind und die viele leider gedankenlos hinnehmen oder gar anerkennen“ klagte, wurde ein Opfer dieses „starken Linksdruckes“. Ein Abweichler lancierte das Schreiben, das um Stärkung für die NPD nachsuchte, in die Redaktion der Frankfurter Rundschau und das Büro des Rechtsberaters des Territorialkommandos Schleswig-Holstein in Kiel.

Und somit wartet nun der „Abkanzler in Uniform“, der doch nur die historische Tat des über Albion eingeschwebten Friedensbringers Heß an der Politik Willy Brandts messen wollte, auf das Urteil von oben. Willi Berkhahn, Staatssekretär bei Witts Minister Leber, degradierte indes diesen offensichtlichen Verstoß gegen das Soldatengesetz zu einer „Stilfrage“. Er überlasse es dem Geschmack des einzelnen Soldaten, darüber zu urteilen. R. B.