Von Dietrich Rollmann

Für Kinder wird zuwenig getan. Das war das Fazit der sechsteiligen ZEIT-Serie Kind und Mutter von Erwin Lausch. Aber nicht nur viele Familien versagen demnach, sondern auch der Staat. Was von staatlicher Seite getan werden muß, damit die Bundesrepublik nicht länger ein kinderfeindliches Land bleibt, sagt Dietrich Rollmann, der jugendpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

In der Bundesrepublik Deutschland ist der Geburtenrückgang so stark (1964: 1 065 347, 1972: 701 214 Geburten), daß bei der deutschen Bevölkerung die Zahl der Sterbefälle die der Geburten bereits übersteigt (1972: 731 468 Sterbefälle). Unser Volk regeneriert sich nur noch zu 80 Prozent. Die Zahl der illegalen Abtreibungen wird auf 250 000 jährlich geschätzt. Kriminologen schätzen, daß jährlich von Eltern und Verwandten 400 000 Kinder mißhandelt und 1000 Kinder getötet werden. Zur gerichtlichen Anklage aber kamen 1971 nur 5000 Kindesmißhandlungen und 126 Kindestötungen. Die Zahl der behinderten jungen Menschen (bis 21 Jahre) wird auf 1,5 Millionen, der Fehlbestand an Plätzen in Sonderkindergärten auf 90 000, in Sonderschulen auf 190 000 geschätzt.

Fast 800 000 Kinder unter 15 Jahren wachsen als Scheidungswaisen, als nichteheliche Kinder und als Halbwaisen meist bei alleinstehenden Müttern in unvollständigen Familien heran. Der Lebensstandard einer unvollständigen Familie ist durchschnittlich um die Hälfte geringer als der einer vollständigen Familie, und die Kinder aus diesen Familien sind es, die das Gros der Heimkinder ausmachen.

Die Mütter von 4,2 Millionen Kindern unter 15 Jahren sind berufstätig. In der Bundesrepublik Deutschland aber steht nur für 41,5 Prozent der Kinder ein Kindergartenplatz zur Verfügung. In Belgien haben 90 Prozent, in Holland 82 Prozent, in Frankreich 70 Prozent und in Italien 50 Prozent aller 3- bis 5jährigen Kinder einen Kindergartenplatz.

Trotz der Inflation der letzten Jahre ist das Kindergeld seit 1964 kaum verbessert worden. Wollte man nur die Leistungen von 1964 erhalten, müßte heute das Kindergeld für das zweite Kind 80 Mark, für das dritte Kind 130 Mark und für das vierte Kind 145 Mark betragen. Statt dessen sehen die neuesten Eckwerte der Bundesregierung für die kommende Reform des Familienlastenausgleichs für das erste Kind 50 Mark, für das zweite Kind 70 und für das dritte und jedes weitere Kind 90 Mark sowie den Wegfall aller bisherigen Steuerfreibeträge vor.

Die Zahl der Obdachlosen wird auf 500 000 geschätzt – davon sind mehr als die Hälfte Kinder und Jugendliche. Eine Million Kinder haben kein eigenes Bett. Wenn Kinder ein eigenes Zimmer besitzen, ist es oft zu hellhörig und zu klein. Unsere Wohnungen und Städte wurden weithin an den Bedürfnissen unserer Kinder vorbei geplant und gebaut. So sind auch rund 70 000 Kinder jährlich Opfer von Verkehrsunfällen. Im Jahre 1971. wurden 2049 Kinder im Straßenverkehr getötet. 25 746 wurden schwer und 43 399 leicht verletzt. Jährlich sterben etwa 400 Kinder als Mitfahrer in einem Auto.