Lange Zeit glaubte man an der Börse, die Ölkrise würde die Kurse im wesentlichen ungeschoren lassen. In der abgelaufenen Woche hat sich indessen gezeigt, daß der Friede in Nahost auf schwachen Füßen steht und man nun wohl tatsächlich mit Versorgungsstörungen rechnen muß. Das Sonntagsfahrverbot hat auch die Optimisten bekehrt.

Indessen hat die Ölkrise allein die Kurse nicht ins Rutschen gebracht. Vielmehr trat das ein, was immer befürchtet worden ist: Die Ausländer liquidieren ihre DM-Anlagen. Und zwar nicht nur bei den Renten, weil es nunmehr auch außerhalb der Bundesrepublik reizvolle Zinssätze gibt, sondern auch bei den Aktien. Die Ausländer sind bemüht, das zu retten, was ihnen an Währungsgewinnen bis jetzt verblieben ist. Der Dollar gewinnt an Anziehungskraft. Das mag angesichts der schwachen Wall Street merkwürdig klingen, trifft aber dennoch zu.

Den Besitzern deutscher Aktien bleibt nur noch die Hoffnung auf eine baldige Lockerung der Restriktionspolitik. Man geht davon aus, daß die jetzt rasch wachsende Zahl an Kurzarbeitern und Arbeitslosen die Regierung zu globalem Handeln zwingen wird. Mehr Geld im Umlauf bedeutet zumindest in der ersten Phase steigende Aktienkurse, auch wenn die Restriktionslockerung der Stabilität alles andere als gut tun wird.

Die Börsianer, die über die Tagesereignisse hinausdenken, stellen Überlegungen darüber an, welche Dauerfolgen sich aus der Ölkrise ergeben werden, auch wenn diese „nur“ ein Problem werden sollte, wie Mr. A. F. Down, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der British Petroleum Limited, London, anläßlich der Börseneinführung der BP-Aktien in der Bundesrepublik die Versorgungskrise herunterzuspielen versuchte. Autoaktien sind in diesen Tagen endgültig aus der Liste der Wachstumswerte gestrichen worden. Wer gehofft hatte, die VW-Aktien würden von neuen Einbußen verschont bleiben, sah sich bitter enttäuscht. VW-Aktien erreichten einen neuen historischen Tiefstkurs. Die diskutierte Annahme, der VW-Absatz würde von der Ölkrise profitieren, weil es sich bei den Wagen des Volkswagenwerks um Benzinsparer handelt, ist in die Märchenbücher aufgenommen worden.

Im Chemiebereich sorgte BASF-Chef Professor Timm dafür, daß die Kurse unter Druck gerieten (natürlich mit ihm die Chemieaktien verkaufenden Ausländer), als er die Abhängigkeit seines Unternehmens von der Mineralölversorgung erläuterte. Langfristig besitzt die Chemie jedoch Ausweichmöglichkeiten. Kaum Sorge braucht man um die Zukunft der Elektroindustrie zu haben. Zumindest kann sie mit einer Zunahme der Kraftwerkbestellungen rechnen. Der Kernkraft bietet sich jetzt eine Chance als billige und vor allem sichere Energie. Die Regierung wird unter dem Druck der Energiekrise nicht darum herumkommen, das Zulassungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen, auch gegen den Willen der Umweltschützer, die als Alternative nur eine kalte Stube anzubieten haben.

Zu den Gewinnern der Energiekrise gehören mit Sicherheit die Elektroversorgungsunternehmen. Die Sorge um Zuwachsraten ist ihnen abgenommen. Kummer bereitet ihnen allenfalls eine mögliche Überbelastung ihrer Netze. Beim RWE kommt als zusätzliche Stimulanz der Verkauf des Gelsenberg-Paketes hinzu, dessen Erlös jetzt in die langfristige Finanzplanung einbezogen werden kann.

Die neu an der Börse eingeführten Badenwerkaktien hatten keinen guten Start. Statt der erhofften und vielfach vorausgesagten Kursexplosion ist ein Rückgang unter den Ausgabepreis eingetreten. Das beweist, daß es trotz sorgfältiger Plazierung möglich war, spekulative Positionen aufzubauen. Als die Börse schwach wurde, bekamen es die Spekulanten mit der Angst; sie stießen ihre Badenwerkaktien ohne Gewinn oder mit kleinem Verlust ab. Jetzt können alle, die bei der Plazierung nicht voll bedient werden konnten, Badenwerkaktien in jeder gewünschten Menge bekommen – und zwar ohne Aufpreis.