Sparsamen Umgang mit Arzneimitteln empfehlen Gewerkschaften, Krankenkassen und Politiker aller Parteien den Italienern. Gemeint ist aber nicht die Anti-Baby-Pille. Es geht ihnen vielmehr um die Unsitte, bei jedem Wehwehchen sofort alle möglichen Erzeugnisse der modernen Arzneimittelproduktion gegen Vorlage eines Krankenscheines aus der Apotheke zu holen. Diesem Brauch sollen die Krankenkassen einen Teil ihres chronischen Defizits verdanken.

Obgleich es in Italien als dem einzigen Land der Welt außer Südkorea keinen Patentschutz für Arzneimittel gibt, die einheimische Industrie deshalb Spezialitäten aus aller Welt nachmachen därf, ist das Land in großem Umfang auf Importe angewiesen. Mit hohem Forschungsaufwand versucht die italienische Pharmaindustrie den Rückstand aufzuholen. Bessere Aussichten hat der Plan, eine staatlich kontrollierte Arzneimittelproduktion zu schaffen.

Der Chemiekonzern Montedison kaufte sich bereits 15 Prozent Marktanteil zusammen und hat die besten Aussichten, offizieller Pillendreher Roms zu werden. Aber auch die staatliche Energieholding ENI will beim Geschäft mit den Pillen mitmischen. Sie beteiligt sich jeweils mit 50 Prozent am Grundkapital von Pharmagesellschaften, beläßt das alte Management und sorgt anschließend für die nötigen Investitionsmittel zum Ausbau.

Mit ihren ersten Erwerbungen profitierte ENI über den Serumhersteller Sclavo beispielsweise an der Cholera-Epidernie; über die Archivar kam sie mit dem Gericht in Konflikt. Bei Archifar werden Antibiotika-Kulturen gezüchtet, die zum Verwechseln denen des Konkurrenten Lepetit, einer Dow-Chemical-Tochter, ähneln, fg