Von Rolf Zundel

Mit gewohnt knurriger Ironie schilderte Herbert Wehner die Situation nach dem Verzicht Gustav Heinemanns auf, eine Verlängerung des Präsidentenamts „Kein Zweifel, daß nunmehr unbekümmert Kandidaten-Karussell gefahren wird. Manchem Genannten wird’s schwerfallen, abzuspringen; andere Persönlichkeiten wird’s schwer ankommen, nicht wenigstens genannt worden zu sein.“ Eine dritte Kategorie hat Wehner wohlweislich nicht erwähnt: Politiker, die für dieses Amt weder in Erwägung gezogen noch gewählt werden wollen. Gemeint ist damit Willy Brandt, den manche seiner Genossen wegen wachsender Entrücktheit gern in den Olymp der deutschen Politik befördern möchten.

Von solcher Erhöhung freilich will Brandt nichts wissen. Er scheidet bei der Kandidatenwahl ebenso aus wie jene Wunschfigur, die nach Wehners Typisierung „mit den Eigenschaften eines Professor Doktor Bischof von Hindenburg begabt“ ist. Der Präsident bekleide, so formulierte Wehner seine in eine Analyse gekleidete Order, „ein schwieriges Amt im Bereich der Politik“. Ein gestandener Politiker also, und zwar aus dem Lager der Koalition, wird Heinemanns Nachfolger werden.

Möglich und denkbar sind viele Kandidaten. Genannt wurden Leber und Kühn; beide haben schon abgelehnt. Ins Gespräch gebracht wurden Frau Funcke, Frau Hamm-Brücher, Katharina Focke; wirkliche Chancen hat keine der Politikerinnen, Senatspräsident Koschnick aus Bremen und Ministerpräsident Osswald aus Hessen wurden flüchtig betrachtet und wieder vergessen. Für praktische Zwecke bleiben nur zwei Kandidaten übrig: Walter Scheel und Walter Arendt.

Scheel wie Arendt sind als Präsidenten durchaus vorstellbar, wenngleich sie sich zur Wahl nicht drängen. Scheel wird, was gewandte Repräsentation und Weitläufigkeit angeht, alle seine Vorgänger in den Schatten stellen. Arendt verkörpert politische Vernunft und Beständigkeit. Beider Stärke aber ist das praktische Handeln, nicht dessen politische Deutung, die Theodor Heuss mit leichter Hand zelebrierte. Und sie sind weit weniger als Heinemann darauf erpicht, den Bürgern neue Denkanstöße zu geben. Beide freilich, Scheel zumal, sind Persönlichkeiten von großem politischen Gewicht.

Niemand zweifelt daran, daß Walter Scheel in das höchste Staatsamt gewählt wird, wenn er sich zur Kandidatur entschließt. Seine Neigung zur Präsidentschaft ist offenkundig, ebenso wie der Wunsch der FDP, ihn als Außenminister und Parteichef zu behalten. Seine Entscheidung aber wird vom Urteil der Ärzte abhängen: Er muß sich im Dezember zum viertenmal (und zum zweitenmal in diesem Jahr) einer Nierenoperation unterziehen.

Wenn Scheel sich nach der Operation weiter dem Streß der Doppelfunktion von Außenminister und Parteichef gewachsen fühlt, ist die SPD bei der Besetzung des Präsidentenamtes am Zuge – und damit wohl Walter Arendt, der dieses Amt gewiß nicht anstrebt, aber sich einem Ruf kaum versagen wird. Seine Wahl hätte den Vorteil, daß im eigenen Haus ein tüchtiger Nachfolger bereitstünde, sein Parlamentarischer Staatssekretär Helmut Rohde. Ein großes Revirement im Kabinett wäre nicht vonnöten. Die SPD aber würde Arendt, einen links wie rechts respektierten Politiker, gewiß schmerzlich vermissen.