Von Rolf Kunkel

Valentin Granatkin, 62 Jahre alt, gehört zu den führenden sowjetischen Sportfunktionären. Er ist erster Vizepräsident des Weltfußballverbandes (FIFA), Mitglied zahlreicher Gremien, war bis März 1973 zwanzig Jahre lang Präsident des sowjetischen Fußballverbandes und ist gegenwärtig Vorsitzender der für internationale Angelegenheiten zuständigen Kommission des Fußballverbandes. Die Jagd nach Informationen begann in Moskau mit der üblichen Frustration: Der erste telephonische Kontakt mit dem Verband endete mit dem Hinweis, Granatkin sei verreist und der Empfehlung: "Wir haben eine Deklaration veröffentlicht, da steht alles drin."

Nach Intervention des Ministeriums für Körperkultur und Sport (das sich westlichen Journalisten gegenüber unter dem Gesichtspunkt der baldigen Wahl des Olympiaortes von 1980 bemerkenswert kooperativ zeigt) kam ein zweites Telephonat zustande, bei dem ein Zeitpunkt für das Gespräch mit Granatkin vereinbart wurde. Es fand einen Tag nach der FIFA-Bekanntgabe statt, die zum Ausschluß der Sowjetunion aus der Qualifikationsrunde zur Fußballweltmeisterschaft führte. Granatkin empfing den Besucher in seinem mit Münchener Olympiaplakaten geschmückten Büro in einer belebten Straße des Moskauer Zentrums. Zur Begrüßung sprach er fließend deutsch, später wurde ein Dolmetscher hinzugezogen.

Das Interview verlief in Frage- und Antwortform; das ist nicht die kurzweiligste journalistische Lösung, aber immer noch die genaueste.

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ZEIT: Herr Granatkin, haben Sie, als Sie Ihren Protest gegen eine Austragung des Spiels in Chile anmeldeten, mit einer solchen Entscheidung gerechnet?

Granatkin: Nein. Wir hatten gehofft, daß der chilenische Fußballverband, zu dem wir bisher immer gute Beziehungen unterhielten, uns entgegenkommen würde. Ähnlich wie seinerzeit Nordirland, das der Umstände wegen auf Belfast als Spielort verzichtete. Wir spielten dann in einem dritten Land, in London.