Von Karl-Heinz Wocker

London, im November

Hier noch ein Hinweis für unsere Londoner Hörer. Die Polizei bittet, heute abend zum Fußballspiel im Wembley-Stadion nicht mit dem Wagen zu fahren, sondern die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen. Und noch ein Hinweis. Die Londoner Verkehrsbetriebe machen darauf aufmerksam, daß es wegen des Personalmangels auch heute wieder zu starken Verzögerungen im Bus- und U-Bahnbetrieb kommen wird“.

Der BBC-Sprecher hängt solche Hiobsbotschaften kommentarlos aneinander, und die britische Nation nimmt sie kommentarlos hin.

Dabei sitzen die Engländer diesmal besonders tief in der Patsche. Treibstoffsorgen sind so groß wie anderswo auch. Aber anderswo arbeiten die Ingenieure der Elektrizitätswerke nicht „nach Vorschrift“ und stehen die Bergleute nicht vor einem Streik gegen die Lohnpolitik der Regierung. Ob zum knappen Heizöl und zum reduzierten Benzin auch noch Kohlenmangel und Stromausfall hinzu kommen, das macht schon einen Unterschied.

Mr. Ken Nicholas, aufsichtsführender Ingenieur im Südlondoner Kraftwerk Bankside, hatte eine leichte Magenverstimmung und blieb deshalb zu Hause. Wegen des „Dienstes nach Vorschrift“ sprang keiner seiner Kollegen ein. In halb London sank die Stromstärke um sechs Prozent. Bei einer Grippewelle könnten daraus das nächste Mal leicht 50 oder 100 Prozent werden. Man wird allerdings nie erfahren, was die Kraftwerkler getan hätten, wären von ihrem Fernbleiben auch die Scheinwerfer in der Westminster-Abtei am Tag der Märchenhochzeit abhängig gewesen.

Krisen hängen aber auch davon ab, unter welcher Partei sie entstehen. Die überwiegend bürgerlichen Zeitungen des Landes würden einer Labour-Regierung die gegenwärtigen Bedrohlichkeiten ganz anders ankreiden als den Tories, um deren Wiederwahl sie bangen. Daß der zwölf Stunden vor dem Hochzeitstag verkündete Notstand auf den Titelseiten zwischen den Photos der beiden jungvermählten Pferdesportler unterging, wäre unter Harold Wilson sicher nicht geschehen. Im Gegenteil: Ihm hätte man vorgehalten, diese Maßnahme mit Absicht am Vorabend der nationalen Sentimentalität verkündet zu haben.