Die Vorgeschichte eines bizarren Buches: „Samuel Hitler“

Von Robert Neumann

Der sympathische und tüchtige junge Verleger Abraham Melzer hat in diesem Herbst ein Buch herausgebracht, etwas zwischen einem Roman und einem Unroman, mit dem Titel „Samuel Hitler“. Untertitel: „Wie sähe die Welt heute aus, wenn Hitler Jude gewesen wäre?“ In den Voraus-Exemplaren ist als Autor „D. Chorafas“ angegeben – in der Buchausgabe heißt er „Sissini“, und „Prof. Dr. Dimitris N. Chorafas, Universitätsprofessor und internationaler Management-Berater“ ist denn nur noch „Verfasser von Vorwort und Analyse“.

Urteile Prominenter, die das Buch im Manuskript gelesen haben, sind auf der Umschlagklappe wiedergegeben, und zwar: „Dieses Buch sollte verboten werden. Die Idee allein ist eine Blasphemie!“ R. L. – „Ich habe das Manuskript in einer einzigen Nacht durchgelesen.“ R. K. – „Die Idee ist zwar ausgezeichnet, aber – verzeihen Sie meine Offenheit: eine solche Geschichte kann man einfach nicht veröffentlichen ...“ A. Sp. – „Ich gratuliere Ihnen zu diesem Buch!“ M. L.

Von den mysteriösen Initialen kann ich nur die gratulatorische M. L. nicht entziffern. A. Sp. ist Albert Speer. R. K. ist Robert Kempner, der USA-Ankläger im Nürnberger Prozeß, der Professor Chorafas samt Manuskript 1971 an mich weitergereicht hat – worauf ich ihn weiterreichte an R. L. – meine Freundin Ruth Liepman, literarische Agentin.

Und der neueste Schlager von Melzers begabter Publicity ist ein Privatbrief, den ich ihm schrieb, als ich vor drei Monaten hörte, daß er das Buch publizieren wolle – Zitat: „Das meinen Sie doch nicht ernst, daß Sie das zu publizieren beabsichtigen? Prof. Chorafas hat mit mir des sehr langen sehr breiten über das Buch gesprochen, und ich habe es in zwei Fassungen gelesen – und wenn er nicht etwa inzwischen jemanden gefunden hat, der ihm eine dritte, völlig andere Fassung schreibt, so ist das literarisch schlimmer als unbrauchbar und wirkt außerdem primitiv antisemitisch. Chorafas ist, glaube ich stark, ein wissenschaftliches Genie – aber von Literatur hat er keine Ahnung.“

Nun, das will erklärt sein. Es kommt nicht alle Tage vor, daß ich einem Verleger davon abrate, das Buch eines Kollegen zu drucken. Nur war diesem besonderen Verleger kürzlich von Jörg Schröder auf eine sehr üble Weise mitgespielt worden (man erinnert sich an „Siegfried“ von Schröder/Herhaus) – und dieser besondere Kollege war nicht einfach ein Kollege, sondern weniger und mehr. Und mit „wirkt antisemitisch“ meinte ich nicht die Wirkung auf die (dummen und nicht zahlreichen) wirklichen Antisemiten, die das Buch jedenfalls nicht begriffen, sondern auf die professionellen Antisemitismus-Riecher unter meinen Mit-Juden; diese Riecher sind für mich ein rotes Tuch. Ich fresse einen Besen, wenn die in „Samuel Hitler“ nicht eine besonders raffiniert getarnte Neuauflage der „Protokolle der Weisen von Zion“ sehen.