Von Jens Friedemann

In der Nacht zum 12. November fuhr ein Fahrzeug auf den Hof des Brennstoffhändlers Kohler bei Stuttgart. Am nächsten Morgen glaubte der Geschäftsmann seinen Augen nicht zu trauen. Aus einem gefüllten Tankwagen hatten Unbekannte über 10 000 Liter Heizöl entwendet.

Ungläubig schauten auch die Autofahrer drein, die an der SVG-Autobahntankstelle „Zweidorfer Holz“ bei Braunschweig ihre Diesel auftankten. Sie mußten für den Liter Kraftstoff den Rekordpreis von 98,9 Pfennig bezahlen.

Penetranter Benzingeruch drang den Bewohnern eines Kölner Mietshauses in der Ehrenbergstraße in die Nase. Alarmierte Polizisten stellten kurz darauf über 20 aufgefüllte Benzinkanister in einem Keller sicher. Einer der Bewohner hatte „für den Notfall“ vorgesorgt.

Öl und Benzin sind über Nacht Mangelware geworden. Wer es hat, bestimmt den Preis. Wer es benötigt, ist nur allzu leicht bereit, jeden Preis dafür zu zahlen. Die Bundesrepublik hat ihre Ölkrise. Die Heizölpreise schossen innerhalb von 14 Tagen um 100 Prozent in die Höhe. Benzin wird an den Tankstellen teilweise bereits zugeteilt. Hier sind exorbitante Preissteigerungen „aus politischen Gründen“ (Sprecher eines Ölkonzerns) nicht erwünscht.

Wieviel der Liter Heizöl kostet, läßt sich zur Zeit einheitlich nicht mehr feststellen. Ein Hamburger Villenbesitzer an der Elbchaussee ließ sich vor einigen Tagen 5000 Liter Heizöl in den Tank füllen; Er bezahlte pro 100 Liter 28,30 Mark. Sein Nachbar, der am Tag zuvor mit einer 3000-Liter-Partie versorgt worden war, zahlte 27,80 Mark.

Aus Sorge, im kommenden Winter möglicherweise einem Boykott arabischer Scheiche ausgesetzt zu sein, kaufen die Kunden, was das Zeug hält. „Früher fuhr ich drei bis vier Lieferungen pro Wagen“, klagt einer der ölfahrer, „heute bin ich damit fast den ganzen Tag unterwegs und fülle Hundert-Liter-Partien in Großtanks.“ Kein Wunder, daß Deutschlands Heizöllieferanten zugreifen und von ölsüchtigen Kleinkunden vier btr. fünf pro Liter kassieren.