Von Hayo Matthiesen

Diesmal machen wir ernst“, behauptet Gustav Ludwig, der Vorsitzende der 20 000 Mitglieder starken Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen, „diesmal schrecken wir nicht vor einem Streik zurück.“

Anzeichen für einen Ausstand der Pädagogen sind vorhanden: Ende letzter Woche versammelten sich etwa 4000 Lehrer aus Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Saarland in Wiesbaden zu einer Protest-Demonstration; die 125 Mitglieder des hessischen GEW-Hauptausschusses haben sich mit nur einer Gegenstimme für eine Urabstimmung über Streikmaßnahmen entschieden, und der GEW-Bundesvorsitzende Erich Frister spricht öffentlich von einer Situation, „die es rechtfertigt, jenseits von allen juristischen Überlegungen vom Streik zu reden“.

Das alles mag nur Theaterdonner sein, den die GEW taktisch geschickt inszeniert. Schließlich haben Lehrer schon häufig damit gedroht, ihre Arbeit einzustellen; vorzugsweise taten sie das, wenn sie weniger Wochenstunden oder höhere Gehälter durchsetzen wollten. Wenn sie dafür die Streikstimmung schürten, hatten sie die Öffentlichkeit zumeist geschlossen gegen sich, und das zu Recht, denn Lehrer verdienen im Verhältnis zu durchschnittlichen Einkommen in der freien Wirtschaft gut, und viele sind sich der Sicherheit und des Wertes gar nicht bewußt, den die garantierte hohe Altersversorgung und der unkündbare Arbeitsplatz bedeuten. Also – kein Wort für höhere Lehrergehälter!

Doch darum geht es diesmal auch nicht, im Gegenteil darum, daß künftige Grundschullehrer in Hessen und in anderen Bundesländern schlechter bezahlt werden sollen als die heutigen; und es geht darum, daß diese niedrigen Gehälter sehr leicht dazu führen können, daß sich keine qualifizierten Pädagogen mehr für die Grundschule melden, wenn sie in allen anderen Lehrämtern mehr verdienen. Mit anderen Worten: Die Besoldungspolitik könnte die Reform der Grundschule kaputt machen, obwohl nach heutigen Erkenntnissen gerade die ersten vier Schuljahre von größter Bedeutung für die Chancengleichheit und die Aufhebung sozial bedingter Nachteile sind.

Mit ihren Streikdrohungen reagieren die Lehrer auf zwei bundesweite Maßnahmen, auf eine angestrebte einheitliche. Ausbildung der Lehrer und auf deren einheitliche Besoldung. Bisher gibt es Lehrer für die unterschiedlichen Schulformen, also für Grund-, Haupt-, Real- und Oberschulen. Alle werden unterschiedlich bezahlt, die Lehrer für die Kleinen in den Volksschulen erhalten am wenigsten (A 12), die Lehrer für die Großen in den Gymnasien erhalten am meisten. Die Differenz beträgt etwa 400 Mark, und entsprechend höher ist seit eh und je das soziale Ansehen der Studienräte.

Statt dieser „schulformbezogenen“ Lehrer soll es künftig Schulstufen-Lehrer geben für die Primär- (Grund-)Stufe (Klassen 1 bis 4), die Sekundär-, (Mittel-)Stufe I (Klassen 5 bis 10) und die Sekundär- (Ober-)Stufe II (Klassen 11 bis 13). Alle Lehrer sollen nach dem Willen der Kultusminister gleichrangig und gleichwertig ausgebildet werden, und deshalb soll es auch zwischen den Grundstufen- und Mittelstufenlehrern keine unterschiedliche Besoldung geben.