Ein Berliner Vorschlag hat Aussicht auf Erfolg

Von Wolf Donner

Zwanzig Jahre dauert das Gerangel um eine deutsche Kinemathek. Zwanzig Jahre lang regionale Eitelkeiten, Verzettelung, handfeste wirtschaftliche Interessen, Lobbyismus, ein Kompetenzenstreit auf privater, kommunaler, Landes- und Bundesebene, eine Fehlpolitik mit katastrophalen Folgen.

Endlich scheint sich eine Lösung des Debakels abzuzeichnen. In Berlin tagt zur Zeit der Kunstausschuß der Ständigen Konferenz der Kultusminister, und bei dieser Gelegenheit sollte man auch die neuen Vorschläge der Berliner Stiftung Deutsche Kinemathek beraten. Deren Leiter, Dr. Heinz Rathsack, hat einen Entwurf vorgelegt, nach dem der Bund und das Land Berlin der Kinemathek die Aufgaben eines Zentralen Deutschen Filmarchivs übertragen würden. Die Kulturhoheit der Länder wird nicht angerührt, wenn der Bund seine Kompetenz und seine Verpflichtung gesamtstaatlicher Belange und Repräsentation auch auf dem Gebiet des Films erkennt und einer von Berlin getragenen Institution diesen Auftrag erteilt. Insofern ist die Kinemathek der Deutschen Bibliothek in Frankfurt vergleichbar.

Jedes Bundesland könnte einer Verwaltungsvereinbarung zwischen dem Innenministerium und dem Berliner Senator für Wissenschaft und Kunst beitreten, könnte so am Aufbau der Kinemathek mitwirken und ihre Einrichtungen für sich nutzen. Die Pläne schaffen solide, klare Rechtsverhältnisse und sind flexibel genug. Die Meinungsbildung über diesen Entwurf wird einige Zeit brauchen, aber der Erfolg scheint dem lange vorbereiteten Berliner Vorstoß sicher.

Die Begründung einer zentralen Filmsammlung ist deshalb so dringend und notwendig, weil wir inzwischen das kinematographische Entwicklungsland Europas geworden sind, sozusagen (und in mehrfacher Hinsicht) dicht am Status des Analphabetismus, überall in Ost- und Westeuropa werden Geschichte, Ästhetik, Soziologie und Wirkung von Film und Fernsehen systematisch und kontinuierlich erforscht, werden die Ergebnisse publiziert, wird das vorhandene Material gesammelt, wird die Audiovision als Unterrichtsfach betrieben, werden alte und neue Filme als Belege und Studienobjekte der Zeit-, Sozial- und Kulturgeschichte verwertet.

Eine nationale Kinemathek, das heißt, Filme sammeln, wissenschaftlich erforschen und sie vermitteln, heißt also, dieses Medium in verstärktem Umfang Fernsehanstalten, Filmproduzenten, Universitätsinstituten, Behörden, Studenten, Pädagogen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen, heißt nicht zuletzt: in einem Land, dessen Filmtradition nach dem Krieg nie wieder aufgelebt ist, dessen heutiger Filmstandard sich mit wenigen Ausnahmen die Nichtachtung und die Verachtung der ganzen Welt zugezogen hat, in einem solchen Land wieder ein Filmbewußtsein schaffen und vereinzelten Initiativen dazu (Festivals, den Filmhochschulen, der Bewegung der unabhängigen und kommunalen Kinos, der „Lupe“-Kette, einigen Fernsehprogrammen) eine Basis und eine potente, dauerhafte Hilfe geben.