Woraus springt eigentlich dieser Ehrgeiz, der Literatur fortdauernd Ohnmacht zu bescheinigen – als hätte sie jemals, soweit sie ernst zu nehmen war, Machtsprüche gedröhnt... Mit dem, was in einem Buche steht, kann man nicht einmal eine Kerze ausblasen, das ist schon wahr, aber Literatur hat uns Lichter aufgesteckt ... Literatur ist nicht für den Zustand der Welt verantwortlich, aber schon für das, was wir über diesen Zustand denken.

Hermann Kant auf dem VII. Schriftstellerkongreß der DDR in Ostberlin

Rußlandreisen abgesagt

Am 20. November sollte eine Delegation des Verbandes deutscher Schriftsteller (VS) zu einem seit langem vorbereiteten vierzehntägigen Besuch in die Sowjetunion reisen. Diese Reise wird nicht stattfinden. Wenige Tage vor der Abreise ließ der sowjetische Schriftstellerverband den VS wissen, er wäre außerstande, Gerhard Zwerenz zu empfangen, „und könnte die Gründe dafür nur in einem Gespräch nennen“. Die übrigen prospektiven UdSSR-Reisenden (Horst Bingel, Irina Korschunow, Johannes Poethen, Peter Rühmkorf und die VS-Geschäftsführerin Ursula Bräuning) beschlossen daraufhin, ebenfalls zu Hause zu bleiben. Die Gründe dafür, daß Zwerenz der Sowjetunion nicht willkommen ist, sind nicht so schwer zu erraten – sie dürften wohl in seiner Vergangenheit als DDR-Bürger zu suchen sein. Jedenfalls habe er nicht vorgehabt, erklärte er, auf der Reise „größere Revolutionen anzuzetteln“. Als die beiden Schriftstellerverbände 1971 vereinbarten, daß jedes Jahr eine sechsköpfige Delegation bei dem anderen zu Gast sein sollte, war eine der Vorbedingungen die Nichteinmischung; daß jetzt die Sowjetunion dazu übergeht, auf die Zusammensetzung einer deutschen Delegation Einfluß zu suchen, könnte jeden Kulturaustausch schnell zum Einfrieren bringen.

Bruno Maderna

Er war einer von den wenigen, deren Beispiel zählt. Wenn er, in den wesentlichen Jahren der Darmstädter Ferienkurse, mit dem dortigen Kammerensemble ein Stück erarbeitete und vorstellte, durfte man sicher sein, daß dies jenem Optimum gleichkam, das für eine Komposition mit Recht entweder das Fortleben oder das Einmal-und-nie-wieder bedeutete. Wenn er in einer Jury mit seinen Qualitätsmaßstäben auch dann konsequent blieb, wenn daran ein Wettbewerb zu scheitern drohte, so nicht, weil er seine eigenen ästhetischen Kategorien für unfehlbar und alleingültig gehalten hätte, sondern weil er sich als Praktiker in die Lage versetzen konnte, die Theoreme der Scharlatane zu entlarven. Wenn er selber den letzten Takt eines Werkes beendet hatte, gab es für ihn keinen Zwang, sich unter allen Umständen mit seinem Opus zu produzieren. Wenn er neben der musikalischen Avantgarde auch einmal eine „Fledermaus“ dirigierte, so nicht, um Johann Strauß zu desavouieren, sondern weil es ihm sichtliches Vergnügen bereitete. In Venedig geboren, Schüler von Malipiero und Scherchen, mit Luciano Berio Begründer des Studio di Fonologia in Mailand, seit 1949 mit den Darmstädter Ferienkursen als Lehrer wie Interpret unlösbar verbunden, bei allen großen Orchestern zu Gast, allen Annehmlichkeiten und Schönheiten dieser Welt zugetan – am 13. November starb in seiner Wahlheimat Darmstadt der Komponist und Dirigent Bruno Maderna, dreiundfünfzig Jahre alt, an Lungenkrebs.

Kunst für ai