Seit vor knapp fünfzig Jahren der damalige Direktor des Germanischen Nationalmuseums, Theodor Hampe, ein Buch über Zinnfiguren vorgelegt hat, ist die Literatur über diesen Bereich des Spielzeugs und des Kunstgewerbes beträchtlich gewachsen. Hampe sprach 1924 noch vom „Zinnsoldaten“ als „deutschem Spielzeug“; heute spricht man lieber von der Zinnfigur, die längst zum Sammelobjekt geworden ist. Denn das Militärische war nie das alleinige Thema dieser liebenswerten Spezies, die man kaum noch in Kinderzimmern, findet, und ein so „vollkommen deutscher Gegenstand“, wie Hampe meinte, ist sie auch nicht, selbst wenn sie als Massenspielzeug deutschen Ursprungs ist. Erwin Ortmanns kenntnisreiche, abgewogene Darstellung ist sehr zu empfehlen, schon deshalb, weil er sich nicht aufs Historische beschränkt, sondern den Traditionen der Zinnfigurenhersteller bis in die Gegenwart nachgeht. Da das Buch als Lizenzausgabe der DDR bei uns erscheint, ist es nicht erstaunlich, daß Ortmann über die ostdeutsche Entwicklung besser als über die westliche informiert ist. So fehlen unter den westdeutschen Sammlern und Herstellern Namen wie Bunzel, Söllner, Trips, und Georg W. Rössner finden wir kurzerhand nach Schweden versetzt; auch vermißt man die Franzosen Borie, Boverat und Bretegnier und den bedeutenden Graveur Pépin. Dennoch: Geschichte und Gegenwart der Zinnfigur sind knapp und übersichtlich gezeichnet; „der Ortmann“ wird für die nächste Zeit die verbindliche Darstellung sein, auch wenn der Autor bescheiden sein Buch einen „Versuch“ nennt. Bei dem Umfang ist der Preis durchaus niedrig, offenbar das Ergebnis ost-westlicher Koproduktion. Layout, Druck und Reproduktion sind von hervorragender Qualität; nicht nur die Sammler werden an diesem Bildband ihre Freude haben (StauffacherVerlag, Zürich, 1973; 200 S., 196 Abb., davon 56 farbig, 56,– DM).

Eckart Kleßmann