Von Kurt Sontheimer

Im Bewußtsein der Deutschen ist die Idee der Zivilisation noch immer vorwiegend negativ besetzt. Zivilisation gilt als Inbegriff der oberflächlichen Daseinsformen des technischen Zeitalters, als "System mehr oder weniger äußerlicher Mittel, die auf die materielle Reproduktion des Lebens bezogen werden". Als Gegenbegriff huldigt man hierzulande noch immer mit Vorliebe dem Begriff der Kultur, unter der man ein System von vorwiegend inneren, geistigen Werten versteht. Obwohl kaum mehr jemand sich für Oswald Spenglers historische Untergangsmetaphysik interessiert, hat seine vehemente Verurteilung der Zivilisation im Namen der Kultur tiefe Spuren im geistigen Bewußtsein unserer Nation hinterlassen. Im modisch gewordenen Begriff der "Lebensqualität", dem an sich nichts Unverdächtiges anhaftet, schlägt die Tendenz, den modernen Zivilisationsbegriff durch den Rekurs auf einen vermeintlich höheren Begriff auszuspielen und dementsprechend abzuwerten, von neuem durch.

Die Idee der Zivilisation in ihrer normativen Tradition steht im Mittelpunkt von drei höchst anregenden historischen Studien des in Prag lebenden Historikers Bedřich Loewenstein, der sich seit Jahren mit der neuesten europäischen. Geschichte, insbesondere Deutschlands, beschäftigt:

Bedrich Loewenstein: "Plädoyer für die Zivilisation"; mit einem Vorwort von Golo Mann; Reihe "Standpunkt", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1973; 169 S., 10,– DM.

Wenn man, wie Loewenstein, Zivilisation bewußt zum Programm erhebt, dann kann man freilich nicht jenen zum Zerrbild gewordenen Zivilisationsbegriff im Blick haben, mit dem die deutschen Kulturpessimisten des ausgehenden neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts so fatal erfolgreich arbeiteten. Dieses kleine Werk wird bedeutend dadurch, daß hier einer versucht, den im 18. Jahrhundert aufgekommenen Begriff der Zivilisation an seiner Wurzel aufzuspüren und ihn durch die neuzeitliche Geistesgeschichte bis in unsere Tage zu verfolgen.

Hierbei zeigt sich: Der Zivilisationsbegriff war an seinem Ursprung alles andere als antikulturell und lebens- und geistfeindlich, vielmehr hing er unmittelbar zusammen mit Kultur, Aufklärung und Emanzipation. "Zivilisation ist der übergreifende Begriff für die allgemeine Reform in Richtung einer allseitig offenen Gesellschaft, offen für die Reflexion wie für praktische Initiative. In diesem niemals zu erreichenden und deshalb als permanenten Prozeß begriffenen Ziel sind alle Teilbestrebungen und – positiven wie negativen – Begriffsbestimmungen zusammengefaßt." Der Begriff der Zivilisation ist für Loewenstein identisch mit der Idee einer rationaloffenen Gesellschaft und Kultur.

Wer mit Loewenstein den Weg der deutschen Geistesgeschichte am Faden des Zivilisationsgedankens entlang abschreitet, erkennt die Problematik einer geistesgeschichtlichen Entwicklung, die seit dem Historismus den normativen Zivilisationsbegriff leichthin verwarf und sich statt dessen dem Irrationalismus und damit – in einem tieferen Zusammenhange – auch dem Faschismus öffnete. Der Verfasser, der auch in deutscher Sprache gut schreibt, arbeitet an einem Werk über die geistesgeschichtlichen, soziologischen und psychologischen Voraussetzungen des Faschismus in Europa. Obwohl wir auf dieses wichtige Buch der Umstände halber vorerst noch werden warten müssen, enthält dieser kleine Band bereits einige methodische und inhaltliche Anregungen, die für die historische Forschung befruchtend sein können.