Von Peter Marchal

Über die Hälfte der Auszubildenden verrichtet ausbildungsfremde Hilfs- und Nebenarbeiten. Das ergab eine Repräsentativbefragung im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums. Spätestens seit Bekanntwerden dieses Ergebnisses sind auch jene nicht mehr, gegen alle Reformen in der beruflichen Bildung, die gemeinhin als Verteidiger des Status quo gelten. Je offenkundiger die Mängel der herkömmlichen Berufsausbildung werden, desto mehr gewinnt auch die überbetriebliche Ausbildungsstätte als dritter Lernort – neben Betrieb und Berufsschule – an Bedeutung. Dort werden, ebenso wie im Betrieb, praktische Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelt, zugleich aber unabhängig von dem Betrieb, mit dem der Lehrling einen Ausbildungsvertrag geschlossen hat.

Im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft erklären die Experten: „Je kleiner der Betrieb ist, um so mehr orientiert sich die Ausbildung an den tatsächlichen jeweiligen Produktionsaufgaben und nicht an einem systematischen Ausbildungsgang.“ Die zentrale Lehrwerkstatt wäre der ideale Ausweg. Doch bis heute profitiert nur jeder fünfzigste Lehrling vom „dritten Lernort“.

Dabei kann dieser Weg viele Probleme lösen. Ein Lehrling etwa, der in einer VW-Werkstatt Kraftfahrzeug-Mechanik lernen will, kommt nie mit einem Dieselmotor in Berührung. Eventuell hat sein Lehrherr einen Austauschvertrag mit einem Ausbildungsbetrieb der gleichen Branche abgeschlossen. Die Teilnahme an einem Lehrgang in einer überbetrieblichen Ausbildungsstätte bietet den dritten Weg.

Inzwischen gibt es eine ganze Reihe solcher Einrichtungen, vor allem im Bau- und Druckgewerbe. Angehende Schriftsetzer werden beispielsweise in einem 14-Tage-Lehrgang in der Technik des Filmsatzes unterwiesen. Maurerlehrlinge müssen nicht Bier holen, sondern können sich einen ganzen Tag lang auf das Mauern nach Plan konzentrieren.

Überbetriebliche Lehrwerkstätten werden in der Regel von den Handwerks- oder Industrie- und Handelskammern unterhalten. Die Kammern legen Wert darauf, daß es sich um eine Ergänzung, nicht um eine neue Konkurrenz für den Betrieb als Ausbildungsort handelt.

Schon seit dreizehn Jahren führt die Gewerbeförderungsanstalt Lüneburg, solche Kurse durch. 1968 beschloß dann der Deutsche Handwerkskammertag, hier erstmals eine geschlossene Konzeption überbetrieblicher Ausbildung zu erproben.