Luxemburg, im November

Die Szene war ungewöhnlich. In den frühen Morgenstunden sprang Peter Alexander von seinem Stuhl und stürzte zum Podium. Dort fiel er in das heiße Röhren der „Neckarbrücken-Blues“-Sängerin Joy Fleming ein: „Babaladu-da-doo.“

Nach der letzten Löwenverleihung von Radio Luxemburg in der Grugahalle in Essen hatten sich Akteure und Journalisten zu einer Abschlußparty ins Hotel Maritim in Gelsenkirchen zurückgezogen. Der knallharte Rock, der die Stimmung auflockerte, soll demnächst zum festen Bestandteil der vier fröhlichen Wellen werden. Bisher hatten sich die Hörer des Senders zumeist mit seichten Schlagern bescheiden müssen.

Tim Elstner, 31 Jahre alt, der vor fünf Monaten vom Chefsprecher zum deutschen Direktor avancierte, will Neues bieten. Was er sagt, mag eingefleischten Luxemburg-Fans wie ein Sakrileg in den Ohren klingen: „Auch wenn man ein kommerzielles Programm macht, kann man sich nicht absolut nach der Masse richten. Man muß Denkanstöße geben.“ Gerade darum hatten sich die Luxemburger bisher gedrückt.

In ihre Kassen flossen allein im vergangenen Jahr aus dem deutschen Programm 70 Millionen Mark an Werbeeinnahmen. Die neunzehn Sprecher garnierten die Sprüche der großen Weißmacher mit unverbindlichem Geplapper und einem Schnulzenreigen, der zu sechzig Prozent aus deutscher Produktion stammt. Der Erfolg gab ihnen recht: Radio Luxemburg hat eine höhere Hörerbeteiligung als jede deutsche Rundfunkanstalt. Siebzehn Millionen Bundesbürger haben – im Durchschnitt zwischen zwei und drei Stunden am Tag – ständig die vier fröhlichen Wellen auf den UKW-Kanälen 6 und 33, der Mittelwelle 208 Meter oder der Kurzwelle 49,26 Meter im Ohr.

Das Programm dauert täglich neunzehn Stunden und wird durch elf Nachrichtensendungen zwischen drei und sieben Minuten unterbrochen. „Wir bringen reine Fakten“, sagt Elstner. Die Begründung des Verzichts auf politische Kommentare klingt müde: „Wir haben unser Domizil im Ausland.“ Man ist schließlich in einer Zwickmühle: Die Interessen der Industrie, die das Programm durch ihre Werbung finanziert, sind kaum mit denen der Arbeiter, die einen Großteil der Hörerschaft ausmachen, in Einklang zu bringen.

Die inder Villa Louvigny zum Prinzip erhobene Enthaltsamkeit. macht sich bezahlt: „Alles okay, so wie es ist!“ schrieb eine 35 Jahre alte Hausfrau aus Neuwied am Rhein auf alle Seiten des Fragebogens, den Radio Luxemburg an Tausende von Hörern verschickte, um zu erfahren, wie das Programm ankommt. Mehr als 70 Prozent aller Angesprochenen äußerten sich ähnlich. „Für uns kommt es jetzt darauf an, nicht nur diese 70 Prozent, die man die Masse nennt, zu erreichen, sondern auch die übrigen 30 Prozent“, hat Elstner sich vorgenommen.