Von Werner Hill

Am 16. Oktober 1964 wurde der bereits „zwangsbeobachtete“ und „zwangsuntergebrachte“ Dr. Günter Weigand aus Münster von zwei Gefängnisbeamten in das Landeskrankenhaus Eickelborn bei Soest geschafft. Genauer: in die Tobsuchtszelle eines der beiden „festen Häuser“ dieser Irrenanstalt. Weigand tobte nicht, die Ärzte und Pfleger konnten sich keinen rechten Reim auf den Sinn dieser Maßnahme machen, aber die Staatsanwaltschaft bestand darauf, daß er 98 Tage lang in dem absolut ausbruchssicheren „Wolfskäfig“ blieb. Seine Notdurft machte er mit Hilfe einer Plastikente durch die Gitterstäbe nach draußen. Der Pfarrer verschaffte dem Häftling Lektüre von Teilhard de Chardin und brachte ihm jeden Tag die Kommunion.

Günter Weigand wußte, wem er Eickelborn zu verdanken hatte. Noch während der Berliner Psychiater Helmut Selbach seinen Probanden „schöne“ und „häßliche“ Farbpyramiden bauen ließ, um dann eine „konstante Erniedrigung der Farbe Blau“ durch Weigand zu konstatieren, hatte der Professor dem Anwalt des Untersuchten zu verstehen gegeben, Weigand sei „der Prototyp des vollkommenen Behördenschrecks, der lebenslänglich hinter Gitter gehört, weil sonst niemand vor seinen Verunglimpfungen und Beleidigungen sicher ist“.

Entsprechend dieser schnell gefaßten Ansicht hatte Selbach dann in seinem 244seitigen Gutachten für die Staatsanwaltschaft Münster erklärt, Weigand sei zurechnungsunfähig und gemeingefährlich. Die Heilanstalt sei für solche Personen eigentlich nicht der richtige Ort; Sichrungsverwahrung sei vorzuziehen: „Dies empfindet auch die Bevölkerung.“

Mit Hilfe der Bevölkerung, der per Flugblatt alarmierten „lieben Mitbürger in Münster und dem Münsterland“, hatte Weigand im Spätherbst 1962 versucht, den Tod des Rechtsanwalts Paul Blomert aufzuklären. Blomert war in seinem Schlafzimmer erschossen aufgefunden worden; sein Vater und seine Brüder glaubten nicht an Selbstmord und beauftragten den „Sozialanwalt“ Weigand mit der Aufklärung des Falles. Weigand vermutete einen von den Behörden vertuschten Mord und fühlte sich – wie Sokrates – berufen, „das träge Roß des Staatswesens als Stechfliege aus seiner Lethargie zu erwecken“: So charakterisierte ihn später der Heidelberger Psychiater von Baeyer, dessen Gutachten Weigand aus Eickelborn erlöste.

Auch Baeyer stellte bei Weigand eine „Neigung zu schärfster Kritik“, „schroffe verbale Aggressivität bis zu hemmungslosen Injurien“, rücksichtslose Angriffe auf Ehre und Ansehen anderer“ fest, bemerkte jedoch „keine wie immer geartete, zur Wahnbildung führende Geistesstörung“. Weigand sei zwar ein eigensinniger und grobianistischer Eiferer, der jedoch auch eine stark entwickelte „altruistisch-idealistische“ Seite habe und jedenfalls für seine ja bewußt eingesetzten Provokationen voll verantwortlich sei.

Als voll verantwortlicher Mann wurde Weigand nach einem Mammutprozeß schließlich wegen falscher Anschuldigung, Verleumdung, Widerstandes gegen die Staatsgewalt, unbefugter Führung einer Dienstbezeichnung und so weiter zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Für seine Mordthese fand sich kein Beweis, wenn sich auch herausstellte, daß die Staatsanwaltschaft sehr nachlässig gearbeitet hatte.