An klugen Gedanken zur Ölkrise hat es bisher nicht gefehlt. Wir wurden belehrt über die traurigen, verheerenden und auch segensreichen Folgen, die die gedrosselte Ölzufuhr für uns und die Umwelt hat. Eine Nebenwirkung allerdings, die zwar weniger unter die Haut geht, dafür um so mehr auf ihr zu spüren ist, wurde dabei nicht berührt: Wie sehr wird ein durch Ölmangel möglicherweise verknapptes Angebot an Kosmetika unser Wohlbefinden beeinträchtigen?

Wer diesen Gedanken angesichts der drohenden weltweiten Wirtschaftskrise für egozentrisch oder gar banal hält, vergißt, daß ein guter Teil jener Wässerchen, Salben und Essenzen, die wir täglich benutzen, aus dem schwarzen Wüstengold gemacht werden: Hochgereinigte Paraffinöle sind in allen Reinigungspräparaten enthalten; Haarwässer gibt es nicht ohne Isopropylalkohol, der außer rein synthetisch auch aus Leichtbenzin hergestellt wird; Vaseline, ein wesentlicher Bestandteil vieler Salben, ist ein Petroleum-Derivat. Mit anderen Worten: Der Streich der Scheichs betrifft nicht nur das Innere unserer Autos, sondern ganz beträchtlich auch unser eigenes Äußere.

Nun mag man einwenden, daß die verwendeten Mengen Rohöl für Kosmetika aller Art kaum ins Gewicht fallen, aber so gering, wie Optimisten glauben, sind sie nun wieder nicht: Der Jahresbedarf eines mittelständischen Kosmetikbetriebes beläuft sich auf rund 65 000 Liter hochgereinigter Paraffinöle. Um die zu gewinnen, braucht man 60 Millionen Liter Rohöl.

Es gilt also, den kosmetischen Tatsachen ins Auge zu sehen, und die sind nun, man kann es nicht anders nennen, ziemlich nackt. Der Schönheitsslogan der siebziger Jahre wird heißen „natürlich, wie die Natur uns schuf“, das heißt, wir werden ohne jene Mittelchen auskommen müssen, die den Natural Look vergangener Jahre so aufregend unnatürlich machten: den feuchten Schimmer um die Augen etwa, für den raffinierteste Lidschattenkombinationen verantwortlich waren; das gesunde Rot auf den Wangenknochen, das nicht etwa der Wind, sondern Puder und Quaste und glowing stick herbeigezaubert hatten; das Lippenrot, das auszusehen hatte, als habe ein frischer roter Apfel abgefärbt, und das doch nur durch Auftragen diverser Schichten zu erreichen war; den herben Duft, den weniger männliche Haut als die Launen Pariser Couturiers zuwege brachten.

Das alles werden wir uns abschminken müssen: Der New Natural Look wird der natürlichste sein, den es je gab. Und auch hier mag es eine Rückbesinnung auf natürliche Ressourcen geben: Kernseife und Kohlestifte werden im Kurs steigen, eine neue Spezies von Dealern wird uns mit Henna und anderen exotischen Pflanzen zur Farbstoffgewinnung neue Abhängigkeiten bescheren. Denn wer mag sich schon gänzlich ungeschützt durch kleinste Korrekturen ins tägliche Gefecht begeben? B. v. J.