Die seit langem gespannten Beziehungen zwischen Schweden und Chile haben sich nach einem Zwischenfall am Wochenende rapide verschlechtert. Bei dem Versuch, eine Exiluruguayerin vor der Verhaftung zu schützen, wurde der schwedische Botschafter Harald Edelstam von Polizisten und Carabineros mißhandelt und niedergeschlagen. Auf einen Protest der schwedischen Regierung antwortete Santiago mit einem Gegenprotest. Der Botschafter habe sich eine „ungehörige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chiles“ zuschulden kommen lassen.

Die 31jährige Consaelo Alonso hatte Schutz in der kubanischen Botschaft gesucht, die seit Abbruch der Beziehungen Santiagos mit Havanna von Schweden betreut wird. Nach einer plötzlichen Magenblutung mußte sie in ein Krankenhaus gebracht werden. Edelstam konnte von den Militärbehörden zwar die Zusicherung freien Geleits erwirken; die Polizisten transportierten die junge Frau aber trotz der vereinten Proteste des französischen und schwedischen Botschafters gewaltsam ab.

Der schwedische Botschafter, ein erklärter Gegner der Junta, hatte sich in einem Maße für die politisch Verfolgten eingesetzt, daß es schon zu Anschlägen chilenischer Radikaler auf das Botschaftsgebäude gekommen ist. In Santiago hieß es zu Wochenbeginn, man erwäge „ernsthaft, den Diplomaten zur Persona non grata“ zu erklären.

Fast drei Monate nach dem Putsch dauert die Verfolgung früherer Volksfrontmitglieder noch an. Die Regierung hat inzwischen Verhaftungen auf Grund einfacher Denunziationen verboten und die Militärgerichte zu genaueren Untersuchungen angehalten; Folterungen und Willkürakte untergeordneter Stellen sind aber noch an der Tagesordnung.

Die „Gefahr aus dem Untergrund“ wird ernst genommen. Im Süden des Landes läuft eine Suchaktion nach dem vermuteten Hauptquartier der Untergrundkämpfer, die – so behauptet die Junta – in den vergangenen beiden Wochen mehrere bewaffnete organisierte Überfälle verübt haben.

Das Durchgreifen der Soldaten wird mit dem angeblichen Willen des gestürzten Präsidenten Allende und seiner Anhängerschaft erklärt, das „Land zu zer-> stören“. In einem Weißbuch wiederholten die Generale am Wochenende ihre Behauptung, Allende habe für den 17. September einen „Umsturz und Massenmorde“ geplant, denen laut aufgefundenen Listen eine Million Menschen, ein Zehntel der chilenischen Bevölkerung, zum Opfer fallen sollten.

Zur gleichen Zeit bekräftigte die Junta, daß sie eine neue „moderne und bewegliche“ Verfassung einführen werde. Sie soll „politischen Spielraum“ bieten, aber einen „Rückfall in das Chaos wie unter Allende verhindern“. Als „Vater“ dieser Verfassung gilt der Luftwaffengeneral Leigh, der für einen harten innenpolitischen Kurs eintritt und sich am portugiesisch-spanischen Vorbild orientiert.

In Santiago traten in der vergangenen Woche zum erstenmal Arbeiter in den Streik. Sie protestierten gegen die Arbeitszeit (48 Stunden) und die sprunghaft ansteigenden Preise bei eingefrorenen Löhnen. Einige Grundnahrungsmittel haben sich seit dem 15. Oktober um 1800 Prozent verteuert; die jährliche Inflationsrate wird Ende. Dezember über 500 Prozent erreicht haben. Die Junta setzt auf, rasche Erfolge der Privatwirtschaft: 88 Unternehmen und über 150 landwirtschaftliche Betriebe wurden in der vorigen Woche den früheren Besitzern zurückgegeben.