Von Regensburg hat man eine Vorstellung: Donaustadt am nördlichsten Bogen des Stromes, über zwei Jahrtausende geliebt, gefürchtet und besungen. Man hat das gelesen, viel gehört, Bilder gesehen. Wie ist die Wirklichkeit?

Die Wirklichkeit heute: Eine pulsierende Stadt von 132 000 Einwohnern, deren Geschichte in jeder Epoche unverwechselbare Form geworden ist, romantisch, gotisch, barock. Sitz des Regierungsbezirks Oberpfalz. Seit 1967 Universitätsstadt. Es ist eine der wenigen vom Bombenkrieg kaum zerstörten Städte. Die Steinerne Brücke über die Donau, im 11. Jahrhundert ein technisches Meisterwerk,’ ist von großer Schönheit, aber heute dem Verkehr nicht mehr gewachsen. Die Sanierung der Altstadt ist eine delikate und teure Aufgabe. Verworren der vielfach stockende Stadtverkehr. Der Status quo ist gekennzeichnet von Unentschiedenheit, Provisorien, Skandalen. Davon, daß Tradition zur Last werden kann, wissen viele Stadtväter ein Lied zu singen.

Wenn man sich plötzlich ohne eigenes Verschulden, in Regensburg befindet – man wird es nicht bereuen. Gegen die Jahreszeit sollte man dort anhalten, wenn der große Besucherstrom verebbt, und möglichst am Wochenende, wenn der Verkehr, der die enge Altstadt bedrängt, geringer ist.

Ich, beispielsweise, kam in Regensburg an, weil ich zu einer Familienfeier in die Umgebung wollte. Am Hauptbahnhof wartete ich auf einen Gepäckträger. Das ist so eine Sache auf deutschen Bahnhöfen. Aber dafür fand ich eine sehr gewandte und hilfsbereite Taxifahrerin. Sie holte den Koffer und unterhielt mich mit Regensburger Geschichten. Glückliches Regensburg, sehr viele Hausfrauen fahren stundenweise die Taxis ihrer Männer, ihnen macht die Abwechslung Spaß. Charme und zupackendes Wesen der Regensburgerin werden schon gerühmt, seit der große Habsburger König Karl V. sich in die Bürgertochter Barbara Blomberg verliebte. Die Regensburger erzählen heute noch davon.

Gesprächige Regensburger und Regensburgerinnen traf ich später in der „Historischen Wurstküche“, einem verräucherten Haus, angelehnt an einen Stadtmauerrest an der Steinernen Brücke. Im Sommer sitzt man draußen am Donauufer auf einfachen, harten Bänken, natürlich bei Schweinswurstl und Sauerkraut und Bier. Jetzt ist’s drinnen gemütlicher. Ich wollte – es war ein Uhr – einen Laugen-Brezn (Brezel) dazu essen, aber meine Tischnachbarin winkte ab. Brezn nicht nach dem Zwölfuhrläuten. Dann sind sie nicht mehr frisch, so sagte die freundliche Regensburgerin. Zwei amerikanische Mädchen in ramponierten blauen Hosen kramten im deutschen Kleingeld und buchstabierten das Lied vom Strudel: „Als wir jüngst in Regensburg waren, sind wir über den Strudel gefahren ... Juchheirassa.“ Der Strudel schäumte vor uns. Aber die Mädchen blickten ratlos bei der Mär von dem adligen Fräulein Kunigund, das, weil es ohne Myrthenkranz schon lieben kunnt, von einem großen Nix auf des Strudels Grund geholt wurde. „Juchheisassa“ skandierte ihr Begleiter in seinen großen Bart.

Eine blonde Studentin zeigte sich mit der neuen Universität ganz einverstanden: man könne arbeiten, es sei alles so neu und funktionell. Sie mokierte sich, nicht einmal böse, wie groß hinter den Kulissen der Einfluß des Fürsten (Thurn und Taxis, das ist ein Regensburger Kannitverstan) und des Bischofs sei. Große Teile der Stadt gehörten ihnen und der prächtige Schloßpark sei noch nicht einmal fürs Publikum geöffnet.

Ein alter Bayer wie aus dem Photoalbum, ein Uhrmacher wie sich herausstellte – fragte: „Wo kommen Sie her? Aus Hamburg? So weit her, extra nach Regensburg?“ Er drückte mir lange die Hand. Er ist so stolz auf seine Stadt, stolzer kann kein Russe auf Moskau sein; ich denke an das Bekenntnis eines russischen Malers, er liebe Moskau so wie nur ein Russe das kann, flammend und zärtlich. Wer am Fluß wohnt, hat weitreichende Gedanken. Dem Uhrmacher gefiel der russische Maler.