Noch nie seit dem letzten Krieg hat sich die Börsenszene so total gewandelt wie nach Ausbruch der Ölkrise. Anfangs waren die Börsianer noch geneigt, den sich abzeichnenden Ölmangel als eine vorübergehende Sache anzusehen. Doch das ist jetzt vorbei. Selbst wenn die Scheichs den Ölhahn wieder weiter öffnen würden, wird es nicht mehr so sein wie früher. Jedem ist die Abhängigkeit von einer Gruppe unberechenbarer Potentaten bewußt geworden. Die Zukunft wird anders aussehen, als sie bisher ausgemalt worden ist. Darauf hat sich auch der deutsche Sparer einzustellen.

Wer seit Mitte dieses Jahres den Weg der Sicherheit gegangen ist und festverzinsliche Wertpapiere erworben hat, ist bisher durch die Börsenkrise ohne Schaden hindurchgegangen. Und er braucht sich wohl auch in Zukunft, was die Kurse seiner Papiere angeht, kaum Sorgen zu machen. Zwar steigen die Zinsen gegenwärtig weltweit; es läßt sich aber als sicher unterstellen, daß die Bundesbank nicht an höheren Zinsen interessiert ist, ja sie sogar demnächst durch Restriktionslockerung drücken wird.

Nicht mehr die Bundesbank steht am Steuer der deutschen Konjunktur, sondern das besorgen jetzt die arabischen Ölfürsten. Sie werden keine Hemmungen haben, meine verehrten Leser, unsere Konjunktur mehr zu drosseln, als es der Bundesregierung lieb ist. Nur wird mit Sicherheit eines nicht erreicht: die Preisstabilität. In Börsenkreisen stellt man sich auf einen Anstieg der Geldentwertungsrate ein, so daß die heute am Rentenmarkt erzielbaren Renditen von 9,3 bis 10 Prozent bis auf einen kleinen Rest von der Inflation wieder aufgezehrt werden dürften. Die höheren Energiekosten bescheren uns einen Inflationsschub, von dessen Kraft wir uns bisher nur ein unvollständiges Bild zu machen vermögen. Aber für den deutschen Sparer gibt es im Augenblick keine andere Alternativen als das festverzinsliche Wertpapier, es sei denn, er spielt auf dem Klavier der Termineinlagen oder folgt der Parole, wonach man in Krisenzeiten über möglichst hohe flüssige Mittel verfügen sollte, „damit alle Türen offenstehen“. Das letztere mag für institutionelle Anleger jedoch eher gelten. Sie wären in der Lage, sich Perlen aus der drohenden Pleitewelle herauszufischen.

Natürlich haben sich die Börsianer vom Aktienmarkt nicht völlig zurückgezogen. Die jetzige Baisse ist keine Rutschbahn; in den Börsenkeller geht es über Stufen. Technische Reaktionen sind immer möglich. Wann sie kommen, hängt im wesentlichen von den Herren Ölscheichs ab. Zeigen sie uns ein gnädiges Gesicht, werden die Aktien steigen, drohen sie, geht es abwärts.

Wie sehen die langfristigen Aspekte aus? Die Stärke des Dollars zeigt nach Ansicht der internationalen Anleger, daß man den USA zutraut, relativ rasch mit dem Ölproblem fertig zu werden. Natürlich wird es auch in den USA Wachstumsverluste geben; einige Broker malen sogar das Gespenst einer Rezession an die Wand. Deshalb der Kurssturz in Wall Street. Auch die US-Anleger flüchten in die hoch verzinslichen Anlagen oder in die Liquidität. Amerikanische Börsenpropheten meinen, daß der Dow Jones-Index (heute etwa 825) noch bis 800 sinken könnte. Dann wäre jedoch eine Basis gefunden, auf der man neu aufbauen könnte. Der Kursverfall der US-Aktien ist im übrigen für deutsche Investoren dadurch „versüßt“ worden, daß die Mark in den letzten Wochen gegenüber dem Dollar um mehr als zehn Prozent abgewertet worden ist.

Ausländer haben sich in den letzten Wochen von ihren Anlagen in der Bundesrepbulik getrennt. Sie verkauften sowohl deutsche Aktien als auch auf Mark lautende Renten. Das hat namentlich am Aktienmarkt die Abwärtsbewegung beschleunigt und beinahe täglich neue Jahrestiefstkurse gebracht. So sieht die Kehrseite internationaler Verflechtung aus. In den vergangenen Jahren hat sie den deutschen Aktienkursen wohlgetan. Jetzt ist das Gegenteil der Fall. Wenn man die ausländischen Investoren nach dem Grund ihres Auszuges aus der Bundesrepublik fragt, so lautet die Antwort: Von den Indusrieländern ist neben Japan die Bundesrepublik vom Nahostöl am meisten abhängig. Infolgedessen wird es in Deutschland auch die größten Umstellungsschwierigkeiten geben.

Nicht nur die Ölströme, sondern auch die internationalen Kapitalströme werden möglicherweise weitgehend an der Bundesrepublik vorbeifließen. Bayer-Chef Professor Hansen hat uns „fünf dreckige Jahre“ prophezeit. Daraus schließen deutsche Anleger, daß ihr Geld für die nahe Zukunft besser im Ausland aufgehoben ist, „solange wir noch frei in unseren Entscheidungen sind“.