Von Hans Otto Eglau

Willy Brandt hielt seine Stunde für gekommen. In einer Fernsehrede an die Nation stellte sich der Kanzler am Vorabend des ersten autolosen Sonntags als oberster Krisenmanager vor. Die „zuständigen Minister“, so ließ der Regierungschef wissen, hätten zur Sicherung der Energieversorgung von ihm „konkrete Aufgaben“ erhalten.

Der Liberale Hans Friderichs wird dabei die schwierigste Kanzleraufgabe zu lösen haben. „Der Wirtschaftsminister“, so berichtete Brandt, „wird darauf achten, daß es möglichst nicht zu Bereicherungen auf Grund der Krise kommt.“

Was der Kanzler durch die Aufsicht seines Wirtschaftsministers verhindert sehen will, ist nach Ansicht vieler seiner Parteifreunde längst eingetreten. So forderte der SPD-Bundestagsabgeordnete Carl-Christoph Schweitzer Bürger und Behörden auf, mit dem Wirtschaftsstrafgesetz in der Hand gegen „preistreibende“ Mineralölunternehmen vorzugehen. Der SPD-Wirtschaftsexperte Claus-Dieter Arndt sprach sich für eine Ölrationierung aus; Bauminister Hans-Jochen Vogel regte an, die Ölbranche für die Dauer der Krise „unverzüglich staatlicher Kontrolle und Lenkung zu unterwerfen“ sowie Höchstpreise für Energien festzusetzen.

Prominente Parteilinke wie der Juso-Chef Wolfgang Roth und der schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Jochen Steffen nahmen das Preisverhalten der Konzerne gar zum Anlaß, unverhohlen die Verstaatlichung der deutschen Mineralölindustrie zu verlangen.

Für den Marktwirtschaftler Friderichs kommen die im Lager der führenden Regierungspartei lauter werdenden Forderungen nach dirigistischen Eingriffen höchst unerwünscht. Denn der FDP-Minister muß befürchten, daß durch ein hartes Vorgehen gegen die Konzerne sein Plan durchkreuzt wird, die Ölmanager der internationalen Gesellschaften durch pflegliche Behandlung bei Lieferlaune zu halten. In dem Augenblick, wo Bonn einen Preisstopp für Öl oder gar noch • radikalere Eingriffe beschließen würde, müßten sich auch nach Ansicht von Finanzminister Helmut Schmidt die Deutschen auf geringere Öllieferungen gefaßt machen. Schmidt: „Wir sind nun einmal von den internationalen Konzernen abhängig, ich muß das mal so brutal sagen.“

Wie riskant seine Taktik gegenüber den selbstbewußten Ölherren ist, mußte Friderichs in den letzten Wochen erfahren. Trotz wiederholter Gespräche mit den Industriellen gelang es ihm lange Zeit nicht, verläßliche Daten über die Versorgungslage der nächsten Wochen zu erhalten. In der Öffentlichkeit entstand so gelegentlich der Eindruck, Bonns Energieminister fehle in der Krise der nötige Überblick.