Wenn schon nicht mit schlechtem Gewissen, so doch offenbar unter großen Skrupeln haben sich Peter Löscher und das Frankfurter Schauspiel auf diese sozialpolitische Historie, Peter Martin Lampels „Revolte im Erziehungshaus“ eingelassen, ein 1928 brisantes, das soziale Gewissen der Weimarer Republik aufrührendes Stück, das damals die Diskussion um die Fürsorgeerziehung anheizte, Verhältnisse beklagte, die – und das ist wohl der politische Antrieb der Ausgrabung – auch heute noch gelten sollen.

Zum erstenmal und eben mit der Vorsicht von Theaterleuten, die ihr Medium nicht ans politische Pamphlet verlieren wollen, hat sich das Palitzsch-Ensemble aus seinem historisch-ästhetischen Spielfeld in eine offenere, Themen dieser Jahre betreffende Auseinandersetzung gewagt. In einem relativ komplizierten Prozeß, im Zuge einer durchlaufenden Spielplanidee (schon Fleißers „Fegefeuer“ und Wedekinds „Frühlings Erwachen“ behandelten die Probleme bürgerlicher Jugend) wird einem historischen Stück aktueller Stoff einverleibt.

Lampel hat eigene Erfahrungen als Hospitant in der Fürsorgeerziehung, hat seine Aufzeichnungen „Jungen in Not“ zu diesem Dreiakter verarbeitet. Der Lampel der Frankfurter Fassung heißt Peter Brosch, Jahrgang 1951. Brosch hat selbst achtzehn Jahre Fürsorgeerziehung durchgemacht, an emanzipatorischen Versuchen wie Heimkollektiven oder Wohngemeinschaften in Frankfurt mitgewirkt und seine Erfahrungen publiziert in dem Band „Fürsorgeerziehung – Heimterror und Gegenwehr.“ Das Team des Schauspiels Frankfurt konnte mit Broschs Vermittlung im Erziehungsheim Staffelberg Gespräche mit Zöglingen führen; und so ist eine gründliche Bearbeitung des Originals in Gang gekommen.

Die Frankfurter Fassung montiert aus den drei Akten vierundzwanzig filmisch geschnittene, jeweils im Blackout abreißende Szenen. Sie hakt damit das in seinem Idealismus oft genug überschäumende, szenisch nur schwach erhellte Stück in scharfen, konkreten Bildern fest. Am meisten von der „alten“ Sprache, dem gestelzten Gehabe des Originals hat noch die „alte Welt“ der Erzieher behalten: ein salbadernd reaktionärer Pfarrer, der aufklärerische Sprüche, christliche Gemeinplätze klopft; ein feige verklemmter, sadistischer Erzieher; und die als Sudelköchin wirtschaftende, die sexuelle Not der Zöglinge auf sich ziehende Haustochter Viktoria.

In der Frankfurter Fassung haben sich die Zwangsmethoden verfeinert. Die Figuren der Erzieher sind mit neuem Material bewaffnet, beispielsweise einer Hausordnung, die in ihrer anbiedernden Ansprache („lieber Freund“) den unmittelbaren Zwang nur höflicher etikettiert. Die Jungen der Frankfurter Aufführung reagieren denn auch, in einer improvisierten, kaltschnäuzigen Sprache, härter als bei Lampel, verwandeln oft jugendbewegte Dialoge in hinterhältige, zynische, gefährlich stumpfsinnige Auseinandersetzungen.

Peter Löschers Inszenierung konzentriert sich auf die Darstellung dieser Binnenwelt, auf die Innenansicht der Erziehungsanstalt. Also beschreibt A. Christian Steiofs Kulisse das Haus als eine Art Isolierbaracke: grüne Kacheln an den Wänden, ein großer Lattenrost, schmale Oberfenster, nackte Glühbirnen.

Löscher stiftet Konflikte, er treibt die schon reichlich verunsicherten, deshalb um so kräftiger und gemeiner hinlangenden Erzieher und die Jungen aufeinander zu, entwickelt das aus dem Ritus der Erziehung, schildert die Hackordnung des Heims, bricht, je mehr der Aggressionsstau dieser Bilder zur Entladung drängt, die Haltungen der wichtigsten Personen auf, läßt also den Pfarrer oder den kräftigsten Zögling (den Spitzel) flennen, den Erzieher sinnlos rudernd auf seine Zöglinge einschlagen. Löscher will verdeutlichen: diese Erzieher versagen selbst in der Ausübung von Gewalt, aber das System bleibt. Die •Revolte zerbricht, am Schluß werden die Aufrührer nur in ein anderes Heim oder ins Gefängnis kommen.