„Wie ich dazu komme als einfacher Landmann Gedichte zu schreiben / fragen mich die Leute. – Ich weiß es selbst nicht, oder richtiger / gesagt: weil ich muß.“ – So beginnt ein Text des von der Literaturgeschichte – zu Unrecht – als „schwäbischer Bauerndichter“ abgefeierten Lyrikers Christian Wagner (1835 bis 1918), dessen Namen man in literarischen Nachschlagewerken immer noch vergebens sucht. Hermann Hesse hat 1920 einen Band mit Gedichten des von ihm geschätzten Mannes herausgebracht; Tucholsky hat ihn in der „Weltbühne“ (13. Februar 1919) begeistert vorgestellt; Gustav Landauer hat ihn in einem Brief (30. Juli 1900) so geschildert: „Das Visionäre an dem Mann, sein Selbstgefühl, seine Sprachmacht, seine Feinheit und schlichte Würde sind ganz wundervoll.“ – In der ZEIT vom 3. August 1973 schrieb unser Mitarbeiter, der ehemalige Stuttgarter Oberlandesgerichtspräsident Richard Schmid, unter der Überschrift: „Vom Abriß bedroht“, Christian Wagners Geburtshaus in Warmbronn, „hinter einem der großen Wälder westlich von Stuttgart“, sei „auf Umwegen“ in das Eigentum eines großen Stuttgarter Bauunternehmers geraten „der es abreißen will, um dort ein Geschäftshaus zu errichten“. Der Warnruf hat dreifache Wirkung gehabt. Fürs erste ist das Haus mitten im Dorf nicht mehr in Gefahr. Der Konrad Theiss Verlag (Stuttgart und Aalen) veröffentlicht einen Gedichtband (herausgegeben von Ulrich Keicher, Vorwort von Albrecht Goes, 15 Zeichnungen von Gunter Böhmer; 150 S., 19,80 DM). Um Haus und Gedenkstätte wiederherzustellen, haben sich die Photographin Ricca Achalm, der Holzschneider HAP Grieshaber, die Lyrikerin Margarete Hannsmann und der Drucker Walter Cantz zusammengetan und einen kostbaren bibliophilen Band mit dreizehn handschriftlich reproduzierten Texten Wagners, sechs farbigen Holzschnitten Grieshabers, neun Photos von Gegenständen der Wagner-Stube in Warmbronn und mit einem Gedicht von Margarete Hannsmann zusammengestellt, das mit den Worten beginnt: „Das Haus des Christian Wagner / ‚Vom Abriß bedroht‘ / stand in der Zeitung ...“ Die zweihundert Exemplare des von Cantz schön gedruckten und ausgestatteten Bändchens (42 Seiten) werden, von den Künstlern signiert, zum Preis von 100,–Mark verkauft, so daß die zwanzigtausend Mark Renovierungskosten hereinkommen (Dr. Cantz’sche Druckerei, Stuttgart-Bad Cannstatt, Postfach 269). Der mit Porträt-Photos von Christian Wagner geschmückte Band könnte dazu beitragen, daß die Verse des alten Dichters ein bißchen korrigiert werden: „Warmbronn ward mir Geburtsort. Doch Heimat? – Geistig vereinsamt, / Sucht’ ich in Liedern mir Trost und Erhebung. – Freudig besang ich / Halmflur, Wiese und Wald und den Berghang. – Nun er zu End’mein / Liedgesang, fehlt mir der Trost, und erschreckend geht es hinabwärts.“ R. M.