Von Werner Klose

MEINEN STUDENTEN, den Kämpfern um die „Endlösung“ und den Verächtern des „Systems“, ... aber auch den politisch Uninteressierten und den Humorlosen, bei denen der Unmut habituell geworden ist, und natürlich auch der schweigsamen Mehrheit, den stillen Nutznießern der rechtsstaatlichen Ordnung, deren politische Einstellung nirgends sichtbar wird.

Zwischen diesen Zeilen schwelt der Pulverdampf der Revolte aus Diskussionsschlachten in Hörsälen und Seminaren. Denn mit diesem Motto eröffnet der Kieler Pädagogikprofessor Theodor Wilhelm ein Buch, das er als Bilanz und Schlußkolleg „an Stelle einer Vorlesung“ am Ende seiner Lehrtätigkeit versteht. Das Buch ist ein „Traktat über den Kompromiß“ und erschien 1973 bei J. B. Metzler in Stuttgart, um beizutragen „zur Weiterbildung des politischen Bewußtseins“. Die Generation Theodor Wilhelms begann als Jugendbewegung im Schatten des Ersten Weltkrieges, erfuhr die Versuchung zur emotionalen Ideologisierung durch den Faschismus, rang sich aus Verzweiflung, Widerspruch und Skepsis zum tätigen Neubau eines sozialen und politischen Gemeinwesens durch, bis dieser Generation am Ende ihres beruflichen Weges eine neue Jugendbewegung den Neubau zum morschen „System“ erklärte, das eine Sanierung nicht lohnte.

Professor Wilhelm – niemals ein Mann der „Ordinarienuniversität“ – hat diesen Weg hinter sich, und seine Bilanz handelt deshalb von der Kunst des Kompromisses. Hier führt Wilhelm weiter, was er 1951 unter dem Pseudonym Friedrich Oetinger selbst als „Wendepunkt der politischen Bildung“ ansah. Aber wer diese Entwicklung verstehen will, kommt um die heute so gering geschätzte Mühe historischen Wissens und historischer Erfahrung nicht herum.

Politische Bildung ist kein Selbstzweck, sondern ist immer konfrontiert mit dem Zeitgeist. So sind, alle Bemühungen um eine politische Didaktik mit ihren neuen Inhalten und Methoden zugleich pädagogische Rückmeldung an die wechselnden geistigen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Tendenzen der Epoche. Ihre Schwächen und Mängel dürfen nicht einseitig der Schule und den für sie tätigen Pädagogen angelastet werden. Fünf Ansätze der politischen Bildung entsprechen fünf Phasen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

1. Politische Bildung begann 1945 als „Reeducation“ unter Aufsicht der Militärregierungen und ihrer Kontrollorgane, die bis 1949 auch zunehmend von deutschen Pädagogen unterstützt wurden. Ziel dieser Bemühungen sollte es sein, der deutschen Jugend den Nationalsozialismus auszutreiben und sie dafür zu demokratischen Tugendbolden im Sinne der Amerikaner, der Engländer, der Franzosen oder der Sowjets zu machen. Entsprechend unterschieden sich Konzeption und Praxis der politischen Bildung, und diese blieb von Anfang an fragwürdig. Allein positiv war in dieser Phase der pragmatische Ansatz, eine deutsche Demokratie von unten her aufzubauen und dabei schrittweise Selbstverantwortung einzuüben.

2. Auch die Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland nach 1949 veränderte diese Situation psychologisch und materiell nur langsam. Wie man politisch an die positiven Ansätze der Weimarer Republik anknüpfte und so den NS-Staat als eine böse Episode der deutschen Geschichte zu überwinden hoffte, schien es den Bildungspragmatikern notwendig zu sein, politisches Grundwissen im Sinne einer staatsbürgerlichen Lehre von den politischen Kräften und Institutionen zu vermitteln, bei starker Berücksichtigung der Historie in kritischer „Abkehr von der bisherigen Geschichte“. – „Der Staat muß also als große sittliche Aufgabe erfaßt werden“, forderte Eduard Spranger, weil der NS-Staat sich als amoralische und destruktive Ordnung habe etablieren können.