Von Albrecht Müller

Frau Noelle-Neumann hat in der letzten Ausgabe der ZEIT die These vertreten, in der Bundesrepublik sei die Stimmung zugunsten der Opposition umgeschlagen. Dieser These widerspricht Albrecht Müller, der 1972 für die Wahlkampfplanung der SPD verantwortlich war und heute Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt ist.

Gleich zweimal hat sich in der vergangenen Woche das Institut für Demoskopie Allensbach mit Umfrageergebnissen zu Wort gemeldet. Zunächst in der Sendung Report, dann in der ZEIT, beide Male durch Frau Professor Noelle-Neumann, die Leiterin des Instituts. Die Diagnose aus Allensbach: Die jüngsten Umfragen zeigen angeblich einen parteipolitischen Klimawechsel – einen Stimmungsumschwung zuungunsten der Regierung, vor allem der SPD, und zugunsten der Opposition. Dieser Klimawechsel wird, alles in allem, als außergewöhnlich dargestellt. Glaubt man dem Institut für Demoskopie, so würden die Bürger heute anders wählen als im Dezember 1972.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren: Sowohl in Report als auch im ZEIT-Artikel von Frau Noelle-Neumann sollte suggeriert werden, daß – um die Formel der Opposition aufzugreifen – eine Kurskorrektur nötig sei. Meines Erachtens ist dies alles ein Versuch, Meinung zu machen und Stimmungen zu beeinflussen. Allerdings muß sich auch ein Meinungsforscher befragen lassen: erstens nach den Methoden und der Gültigkeit der gezogenen Schlüsse; zweitens nach dem Stellenwert, den der Versuch, Stimmungen zu beeinflussen, für die politische Arbeit haben könnte.

Was ist von der These eines politischen Klimawechsels zu halten? Niemand bezweifelt, daß die Sozialdemokraten heute nicht so gut beurteilt werden wie zu Wahlzeiten. Aber haben wir es tatsächlich mit einem außergewöhnlichen Stimmungsumschwung, gar eindeutig zugunsten der Opposition zu tun?

Frau Noelle-Neumann begründet ihre These unter anderem mit dem Hinweis darauf, die Zahl der SPD-Anhänger habe sich um 10 Prozent verringert, die der CDU/CSU-Anhänger habe um 4 Prozent und die der FDP-Anhänger um 5 Prozent zugenommen. Gegen diesen voreiligen Schluß spricht zweierlei:

1. Der Vergleich koppelt einen für die Sozialdemokraten extrem günstigen Zeitraum mit einem extrem ungünstigen. Frau Noelle-Neumann vergleicht nämlich den Dezember 1972, also den Monat nach der Wahl, mit den ersten Tagen des Novembers 1973.